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dem einer ebenfalls importirten Kirchengestalt. Wenn es in Deutschland bis zum 13. Jahrhundert keine selbständige Theologie und Wissenschaft gegeben hat, so gab es noch viel weniger eine dogmengeschichtliche Bewegung'. Sobald aber die Deutschen selbständig — in Deutschland und in England — in die innere kirchliche Bewegung eingreifen, bereiten sie, freilich auf Augustin gestützt, die Reformation vor. Anders steht es auf romanischem Boden. Auf Italien darf man allerdings nicht blicken; denn dieses Land der Päpste hat seine alte Eigenart, die Indifferenz gegen alle Theologie als Theologie, stets behauptet. Apokalyptische, socialistische und revolutionäre Bewegungen haben dort nicht gefehlt; Hippokrates und Justinian wurden studirt; aber die Ideale der Denker haben Italien niemals erregt, und um ein Dogma, wenn es sonst nichts war als ein Dogma, hat man sich dort nie gekümmert. Auch Spanien trat sehr bald aus der Bewegung der Geister heraus, in die es übrigens niemals mit Kraft eingetreten war. Es hatte acht Jahrhunderte hindurch eine ungeheure praktische Aufgabe zu vollziehen, die Christenheit vor dem Islam zu schützen: in diesem Kampf hat es das Gesetz der katholischen Religion in eine militärische Discipliu umgewandelt. Die spanische Dogmengeschichte ist seit den Tagen des Bischofs Elipandus ein leeres Blatt. So bleibt nur Frankreich. Sofern das Mittelalter bis zum 1 3. Jahrhu nder t überhaupt eine Dogmengeschichte gehabt hat, ist siegrösstentheils fränkisch resp. französisch2. Gallien war schon im 4. und 5. Jahrhundert unter den lateinischen Ländern das Land der Bildung. Unter den Stürmen der Völkerwanderung hat sich die Cultur in Südgallien am längsten erhalten und nach einer kurzen Epoche der Barbarei, in welcher die Cultur überall auf dem Continent auszusterben und England die Führung zu erhalten schien, trat Frankreich unter den Karolingern — allerdings das durch Bonifatius mit Rom verbundene Frankreich — wieder an die Spitze. An dieser ist es — seinen Schwerpunkt nun aber im Norden habend, im Lande zwischen Seine und Rhein — geblieben. Sein Paris stand Jahrhunderte lang neben Rom, wie einst Alexandrien und

1 Nitzscb, Deutsche Gesch. II, S. 15: „Der deutschen Kirche waren (bis zur Mitte des 11. Jahrh.) die Aufgaben der Gutsverwaltung wichtiger als die dogmatischen und politischen Debatten der benachbarten französischen Hierarchie." S. auch Dö Hing er, Akad. Vorträge Bd. II, 1. Vortrag Anfang.

'S. die zutreffende Ansicht des Jordan us von Osnabrück (um 1286), die Römer hätten das sacerdotium, die Deutschen das imperium, die Franzosen das studium erhalten (Lorenz, Geschichtsquellen 2. Aufl. 2. Bd. S. 296).

Karthago neben Rom gestanden haben Die Krone des Imperators ging auf die Deutschen über; der wahre Weltherrscher sass in Rom; aber das „studium" — in jedem Sinne des Worts — blieb den Franzosen. Streng genommen hat es freilich auch in Frankreich im Mittelalter keine Dogmengeschichte gegeben. Dächten wir uns, die Reformation wäre nicht eingetreten, so würde man eine mittelalterliche Dogmengeschichte im Abendland so wenig gewahren wie im Morgenland; denn die theologischen und kirchlichen Bewegungen des Mittelalters, die sich selbst keineswegs als neue dogmatische geben, sind nur desshalb in die Dogmengeschichte aufzunehmen, weil sie in die tridentinischen Dogmen einerseits, in die Symbole der Reformationskirchen und in den socinianischen Rationalismus andererseits münden. Das ganze Mittelalter stellt sich innerhalb der Dogmengeschichte lediglich als ein Uebergangszeitalter dar — die Periode der Auseinandersetzung der Kirche mit Augustin und mit allen den zahlreichen von ihm gegebenen Impulsen. Diese Periode hat so lange gedauert, weil 1) Jahrhunderte vergehen mussten, bis Augustin ebenbürtige Schüler fand und man im Stande war, das aus dem Alterthum überlieferte Gefüge der kirchlichen und theologischen Ordnungen auch nur zu verstehen, weil 2) der römische Genius der abendländischen Kirche sich zu dem augustinischen z. Th. disparat verhielt, die Vermittelung also eine ungeheuere Aufgabe war, und weil 3) in dem Moment, in welchem man es vermochte, sich selbständig mit der Kirchenlehre und mit Augustin zu beschäftigen, eine neue Autorität auftrat, die in vieler Hinsicht dem Geiste der Kirche congenialer war, Augustin's gewaltiger Rivale 2 — Aristoteles. Der römische Genius, die aus der Endzeit der Antike stammende, in den barbarischen Zeiten verstärkte Superstition, Augustin, Aristoteles — das sind die vier Mächte, die im Mittelalter in der „Dogmengeschichte" um das Verständniss des Evangeliums gerungen haben.

8. Das Mittelalter hat keine dogmatische Entscheidungen erlebt wie die zu Nicäa oder Chalcedon. Nach der Verurtheilung der Pelagianer und Semipelagianer, Monotheleten und Adoptianer, ist der dogmatische Kreis abgeschlossen. Die Actionen in dem karo

1 S. über die Bedeutung des nordöstlichen Frankreichs Sohm i. d. Ztschr. d. Savigny-Stiftung. Germanistische Abth. I. 1, S. 3 ff. und Schrörs, Hinkmar, S. 3f. Ueber Rom und Paris s. Reuter, Gesch. d. Aufkl. I, S. 181.

2 Die höhnische Bezeichnung des Augustin als „Aristoteles Poenorum" — so hat ihn Julian von Eclanum, Aug. Op. imperf. III, 199, genannt — war eine Weissagung auf die Zukunft.

lingischen Zeitalter gegen die Bilder, gegen Ratramnus und Gottschalk sind im Grunde von geringem Belang, und gegen alle späteren Ketzer, welche die mittelalterliche Kirche so zahlreich beunruhigten, kämpfte man mit alten Waffen und hatte in der That neue nicht nöthig. Die Aufgabe des Dogmenhistorikers ist daher hier eine sehr schwierige. Um zu wissen, was er darstellen soll, um dem alten Dogma, wie es fortwirkte, ebenso gerecht zu werden, wie dem neuen quasi-dogmatischen Christenthum, in dem man lebte, muss er seinen Blick fest auf den Anfang (Augustin) und auf den Ausgang, das 16. Jahrhundert, richten. Nichts gehört in die Dogmengeschichte, was nicht der Erklärung dieses Ausgangs — und zwar n ur nach seiner dogmatischen Seite — dient, und auch dieses darf nur soweit dargelegt werden, als es die Fassung neuer Lehren oder die officielle Neubearbeitung der alten Dogmen vorbereitet hat. Sehe ich recht, so sind es drei Linien, denen die Aufmerksamkeit zuzuwenden ist. Erstlich ist die Geschichte der Frömmigkeit ins Auge zu fassen, sofern in ihr auf dem Grunde des Augustinismus oder neben demselben neue Stimmungen ausgeprägt worden sind; denn die anders gestimmte Frömmigkeit hat schliesslich auch zu anderen dogmatischen Formulirungen geführt. Die Geschichte der Frömmigkeit im Mittelalter aber ist die Geschichte des Mönchthums '. Wir werden daher vermuthen dürfen, dass, wenn das Mönchthum im Abendland wirklich eine Geschichte und nicht nur unendliche Wiederholungen erlebt hat, diese für die Dogmengeschichte nicht gleichgiltig sein können. In der That wird sich zeigen, dass Bernhard und Franciskus auch Väter der Lehre geworden sind. Man darf schon hier darauf hinweisen, dass Augustin, mindestens scheinbar, eine Lücke in seiner durch seine Frömmigkeit beherrschten Theologie aufweist: er hat über das Werk Christi im Zusammenhang seiner Glaubenslehre wenig auszusagen vermocht, und seine passionirte Gottesliebe ist mit dem Eindruck des Todes Christi und mit dem „Werke" Christi in der Theorie nicht deutlich verbunden. Welch' eine Umstimmung und Erwärmung des Augustinismus musste sich ergeben, wenn diese passionirte Liebe zum Ewigen und Heiligen ihr Object nun in dem Gekreuzigten fand, wenn sie alle Züge des Geschlagenen, Verwundeten und Sterbenden ins Himmlische verklärte und zugleich auf die sündige Seele bezog, wenn sie nun über die unendlichen „Verdienste" ihres Heilandes zu sinnen begann, weil ihr der tiefste

1 S. Ritsehl, Gesch. des Pietismus Bd. I, S. 7 ff. und meinen Vortrag über das Mönchthum 3. Aufl.

Gedanke aufgegangen war, dass das Leiden des Unschuldigen das Heil in der Geschichte ist! Was hier an dem „gekreuzigten" (Bernhard) und dem „armen" (Franziskus) Heiland neu geschaut und erlebt wurde ', konnte nicht ohne Folge für das Dogma bleiben. Man kann es kurz sagen — durch die mittelalterlichen Virtuosen der Religion und die mittelalterlichen Theologen ist schliesslich im tridentinischen und im altlutherischen Dogma auf neue Weise der straffe Zusammenhang zwischen Gott, dem „Werke" Christi und dem Heilsgut wiederhergestellt worden, den die griechische Kirche besessen hat und besitzt, den aber Augustin gelockert hat, weil es seine grosse Aufgabe gewesen ist, zu zeigen, wer Gott sei und welches Heil die Seele bedarf. Zweitens wird die Sacramentslehre in Betracht zu ziehen sein; denn so grosse Anregungen Augustin hier auch gegeben bat, so unfertig ist doch Alles gewesen, was er der Kirche überliefert hat. Diese aber hat als Anstalt und Erziehungsschule vor Allem die Sacramente nöthig gehabt, und sofern sie sich an Augustin anschloss, hat sie gerade seine Sacramentslehre und die damit zusammenhängende Auffassung von der stufenweisen Gerechtmachung aufgegriffen. Es wird zu zeigen sein, wie die Kirche diese bis zum 16. Jahrhundert ausgebaut, sich selbst in den Sacramenten idealisirt und sie zu ihren eigentlichen Machtmitteln ausgebildet hat. Drittens wird eine Linie zu verfolgen sein, die durch die Namen Augustin und Aristoteles (tides und ratio, auctoritas und ratio, intelligentia und ratio) bezeichnet ist. Sie vollständig zu erforschen, hiesse die Geschichte der mittelalterlichen Wissenschaft überhaupt schreiben. Sie ist desshalb hier nur soweit ins Auge zu fassen, als in ihr sich diejenige mannigfaltige Formgebung des theologischen Denkens und die Grundansichten gebildet haben, welche in die Formulirung und damit auch in den Gehalt der Lehrbildungen des 16. Jahrhunderts übergegangen sind und schliesslich dem Dogma im ursprünglichen Sinn des Worts nahezu ein Ende bereitet haben. Unter dem Titel „Augustin und Aristoteles" hat man aber auch den Gegensatz der Lehre von dem unfreien Willen und der gratia gratis data einerseits und der Lehre vom freien Willen und dem Verdienst andererseits zu stellen. Die letztere hat innerhalb des Katholicismus den Augustinismus zersetzt.

Ein Dogma von der Kirche lässt sich im Mittelalter bis zum

1 Bernhard hat den Grund dazu gelegt, das neuplatonische Exeicitium der Contcmplation des Alls und der Gottheit in die methodische Betrachtung des Leidens Christi umzusetzen: „Dilectus meus, inquit sponsa, candidus et rubicundus. In hoc nobis et candet veritas et rubet caritas."

Ende des 13. Jahrhunderts nicht verfolgen, aber dies nur desshalb nicht, weil die Kirche die Grundlage und der stille Coefhcient aller geistigen und theologischen Bewegung gewesen ist'. Die Darstellung' hat diese ihre Bedeutung zum Ausdruck zu bringen und dabei das Wachsthum der päpstlichen Gewalt fest ins Auge zu fassen; denn im 16. Jahrhundert wurde über das Recht des Papstes gekämpft. An diesem Punkt spaltete sich die abendländische Kirche. Ferner aber ist die mittelalterliche Bewegung, in dem Masse als die Kirche und die Sacramente sich vordrängten und doch der Trieb nach selbständigem Glauben fortwirkte2, auch auf die Frage der persönlichen Glaubensgewissheit geführt worden, nachdem Augustiu die Frage des persönlichen Christenstandes in den Mittelpunkt gerückt, aber durch unsichere Verweisungen auf die Kirche und auf medicinisch wirkende Gnadenmittel verwirrt hatte. Auch an diesem Punkt spaltete sich die abendländische Kirche (Rechtfertigung)2. Somit wird eine dogmengeschichtliche Darstellung für das Mittelalter nur dann vollständig sein, wenn sie zu zeigen vermag, wie die Fragen nach der Gewalt der Kirche (des Papstes, der Bedeutung der Messe und der Sacramente) und nach der Rechtfertigung in den Vordergrund rückten, und wie an diesen Fragen das alte Dogma zwar nicht äusserlich, aber innerlich zu Grunde gegangen ist. Im tridentinischen Katholicismus wurde es nun völlig mitsammt seinen neuen Bestandtheilen eine Rechtsordnung; im Protestantismus wurde es nur noch beibehalten, sofern es sich, verglichen mit dem göttlichen Wort, als Ausdruck des Evangeliums selbst, als Band mit der geschichtlichen Vergangenheit, resp. auch als Grundlage der persönlichen Heilsgewissheit darstellte. Ueber die Periodeneintheilung kann man nicht zweifelhaft sein.

1 Die zu allen Zeiten vorhandene und bereits im 13. Jahrhundert starke Opposition gegen die Priesterkirche hat bis zum 14. Jahrhundert keine bleibenden Spuren zurückgelassen. Erst in diesem Jahrhundert beginnen auf dem Boden des Kathol ici smus Bewegungen, die zu Neubildungen des Kirchenbegriffs führten und die Kirche nöthigten, ihren eigenen Begriff festzustellen.

2 Im Mittelalter ist jeder Fortschritt in der Entwicklung der Kirehenautorität und -gewalt begleitet gewesen von dem sich steigernden Eindruck, die Kirche sei verderbt. Dieser Eindruck hat dann zum Verdachte, sie sei Babel geworden, und zur Verzweiflung an der Besserung der Kirche geführt.

* Die Spaltungführte an diesem wichtigsten Punkte über Augustin hinaus; denn im Mittelalter ist — die Frage nach dem Glaubensgrunde und der Crlaubensgewissheit betreffend— der Augustin der Confessionen und der Prädestinationsichre gegen Augustin, den Apologeten der katholischen Kirche, ausgespielt worden. Luther aber hat diesen wie jenen verlassen und ist einer Betrachtung gefolgt, die bei Augustin und im Mittelalter höchstens in einer verborgenen Unterströmung nachgewiesen werden kann.

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