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Domini mors potentior erat quam vita... Lex Christianorum crux est suncta Christi.

Pseudocypriau.

Die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist, ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen konnte und musste. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen höheren Geburtsort zu berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armuth, Spott und Verachtung, Schmach und Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen, ja selbst Sünde und Verbrechen nicht als Hindernisse, sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren!

Goethe.

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Erstes Capitel: Geschichtliche Orientirung'.

1. Die Geschichte der Frömmigkeit und der Dogmen im Abendland ist vom Anfang des 5. Jahrhunderts bis zur Reformationszeit so durchgreifend von Augustin beherrscht gewesen, dass man diese ganze Zeit als eine Periode zusammenfassen muss. Ja man kann zweifelhaft sein, ob es nicht richtig ist, auch die Folgezeit mit hineinzuziehen, da der Augustinismus im 16. Jahrhundert fortgewirkt hat. Allein die Gesichtspunkte, nach denen der Reformation die Bedeutung eines neuen Ansatzes zukommt, müssen den Ausschlag geben, und auch im nachtridentinischen Katholicismus sowie vollends im Socinianismus ist die Abkehr von Augustin ausgeprägt2. Wir betrachten daher in diesem unserem zweiten Buche des zweiten Tbeiles die Dogmengeschichte des Abendlandes von Augustin bis zur Reformation als eine einheitliche Entwickelung und lassen dann — gemäss unserer Begriffsbestimmung des Dogmas und der Dogmengeschichte2 — die „Ausgänge des Dogmas" in ihrer dreifachen Gestalt (im tridentinischen Katholicismus, im Socinianismus und im Protestantismus) folgen.

2. Um das Eintreten Augustin's richtig zu würdigen, ist zuerst (Cap. 2) die Eigenart des abendländischen Christenthums und der abendländischen Theologen vor Augustin zu schildern. Hier stellt sich heraus, dass das Abendland zwar für den Augustinismus disponirt gewesen ist, dass aber andererseits gerade auch solche Elemente, die das Charakteristische des abendländischen Christenthums bildeten (das juristische, das moralistische) sich gegen die augustinische Denkweise in Sachen des Glaubens sträubten. Die spätere Geschichte des Augustinismus in der Kirche ist hier somit schon vorgebildet.

1 S. Baur, Vorles. üb. die christl. D.-G. 2. Bd. 1866. Bach, Die Dogmengeschichte des Mittelalters, 2 Bde. 1873. 1875. Seeborg, Die Dogmengesch. des Mittelalters (Thomasius, Die christl. Dogmengesch. 2. Aufl. 2. Bd. 1. Abth.) 1888. Alle setzen in der Zeit nach Augustin ein, ebendort auch Schwane, D.-G. der mittleren Zeit 1882.

* Den vollen Bruch mit Augustin bezeichnet freilich weder Luther, noch Ignaz von Loyola, noch Socin, sondern erst Leibniz und Thomasius.

• S. Bd. I, § 1.

3. Augustin kommt zuerst als Reformator der christlichen Frömmigkeit in Betracht, indem er viel vulgär Katholisches umgestimmt und vor Allem den Monotheismus streng durchgeführt, die lebendige Beziehung der Seele zu Gott in den Mittelpunkt gerückt, die Religion aus der Sphäre der Kosmologie und des Cultus herausgezogen und in dem Gebiet des innersten Seelenlebens nachgewiesen und gepflegt hat. Andererseits muss hier gezeigt werden, dass er, indem er die Souveränetät des Glaubens gegenüber allem Naturhaften geltend machte, doch die altkatholische Grundlage der theologischen Denkweise nicht überwunden hat, ferner, dass er die üeberordnung des Religiösen über dem Moralischen, des persönlichen Glaubensstandes über dem Kirchlichen, nicht sicher gefunden hat, endlich dass er — wie überhaupt, so auch in der religiösen Stimmung — belastet geblieben ist von dem Schutt der kirchlichen Ueberlieferung (Cap. 3).

4. Augustin kommt sodann als Lehrer der Kirche in Betracht. Die Verbindung dreier grosser Gedankenkreise, die er neu ausgebaut und in die innigste Verbindung gesetzt hat, sicherte ihm neben dem unvergleichlichen Eindruck seiner unerschöpflichen Persönlichkeit eine dauernde Wirkung. Er hat erstens einen geschlossenen Kreis von Gedanken ausgebaut, der durch die Begriffe „Gott, die Seele, die Gottentfernung, die unwiderstehliche Gnade, der Gotteshunger, die Unruhe in der Welt und die Ruhe in Gott, die Seligkeit" bezeichnet ist, einen Kreis, in welchem man mit leichter Mühe das Zusammenwirken neuplatonischer und mönchisch-christlicher Elemente nachweisen kann, der aber grösstentheils doch so rein und einfach ist, dass er sich als die Grundform monotheistischer Frömmigkeit überhaupt fassen lässt. Er hat zweitens einen Kreis von Gedanken ausgeprägt, in welchem die Sünde, die Gnade durch Christum, die Gnade überhaupt, der Glaube, die Liebe und die Hoffnung die Hauptpunkte bilden: einen durch vulgär katholische Elemente modificirten Paulinismus. Er hat drittens einen Kreis von Gedanken ausgebaut, in welchem die katholische Kirche als Autorität, Gnadenanstalt, Sacramentsverwalterin, ferner als Mittel und Ziel aller Veranstaltungen Gottes betrachtet wird. Ueberall hat er hier neben einer Fülle von Gedanken eine Fülle von Schematen (nicht Formeln) ausgebildet, die eigentliche Dogmatik neu gestaltet und überhaupt das zuerst angeregt, was als Propädeutik zur Dogmatik seit der Zeit der Scholastiker eine so unermessliche Bedeutung für die Theologie und die Wissenschaft erlangt hat.

5. Dagegen hat sich Augustin in Bezug auf das Dogma

durchaus als Epigone gefühlt und sich ganz unter die kirchliche Ueberlieferung gestellt. Die energische Kraft kirchlichen Wirkens (wie sie z. B. Athanasius aufweist) und der Trieb, das, was ihn beseelte, in fester Formulirung der Kirche aufzuzwingen, hat ihm gefehlt. In Folge hiervon stellt sich das Ergebniss seines Lebenswerkes für die Kirche also dar: er hat 1) die altkirchliche Ueberlieferung als Autorität und Rechtsgesetz fester im Abendland eingebürgert; er hat 2) die alte religiöse Stimmung vertieft, beziehungsweise verchristlicht; er hat 3) im kirchlichen Denken und Leben an die Stelle des alten Dogmas1 und des Cultus eine Heilsordnung nebst zugehöriger Sacramentslehre gerückt und den Grundgedanken seines Christenthums, dass die Gnade Gottes Anfang, Mitte und Ende sei, in die Gemüther und Köpfe eingeführt; aber er hat den Ausgleich dieses Gedankens mit dem vulgär Katholischen selbst gesucht und in Formeln zum Ausdruck gebracht, die, weil sie nicht fest und bestimmt waren, auch noch weitere Concessionen an das Hergebrachte zuliessen. Er hat mit einem Wort den neuen und höheren religiösen Stil, nach welchem er die Theologie auferbaute, nicht rein durchgeführt. So konnte sich daneben sowohl das alte griechische, auf die Vergottung abgezweckte Dogma als die alte römische Auffassung der Religion als eines Rechtsverhältnisses behaupten. Augustin hat gerade in dem Besten, was er der Kirche geschenkt hat, Anregungen und Aufgaben gebracht, nicht aber ein festes Capital. Daneben hat er eine Fülle von Ideen, Anschauungen und Erkenntnissen der Zukunft übergeben, die, bei ihm selbst ungenügend vermittelt, grosse Spannungen, lebendige Bewegungen, schliesslich heftige Kämpfe erzeugt haben.

6. Wie am Anfang der Geschichte der lateinischen Kirche Cyprian dem Tertullian gefolgt ist und den Charakter des antiken lateinischen Christenthums ausgeprägt hat, so ist auf Augustin Gregor der Grosse gefolgt und hat den mittelalterlichen Charakter des lateinischen Christenthums zum Ausdruck gebracht, der unter augustinischen Formeln doch im Grossen und im Einzelnen vielfach von Augustin abweicht. Dogma bleibt im Mittelalter fast durchweg der Complex trinitarischer und christologischer Lehren, der mit dem

1 Das alte Dogma ist somit im Abendland seit Augustin Baumaterial. Es ist — wenigstens in der wichtigsten Hinsicht — seiner alten Abzweckung entnommen und dient neuen Zwecken. Die für einen Tempel behauenen und einst zu einem Tempel zusammengefügten Steine dienen jetzt dem Bau eines Domes. Oder vielleicht ist das Bild zweckmässiger, dass der alte Tempel, zum Dom erweitert und wunderlich umgebaut, innerhalb des Domes noch immer erkennbar ist,

Symbol überliefert wurde. Aber daneben besass bereits eine unübersehbare Reihe von theologischen Gedanken, Kirchenordnungen und kirchlichen Rechtssatzungen ein quasi-dogmatisches Ansehen. Dennoch konnte in acuten Fällen nur der als Ketzer ausgewiesen werden, dem man den Unglauben an einen der 12 Artikel des Symbols oder die Uebereinstimmung mit den Lehren bereits abgewiesener Häretiker (Pelagianer, Donatisten u. s. w.) nachzuweisen vermochte. So blieb es bis zur Reformationszeit, wenn auch die Lehren von der Kirche (dem Papste) und den Sacramenten (dem kirchlichen Busssacrament und der Transsubstantiationslehre) ein fast dogmatisches Ansehen — freilich nur durch künstliche Verbindung mit dem Symbol — beanspruchten.

7. Die Verfestigung des Kirchen- und Dogmensystems zu einer Rechtsordnung, dem Geiste des abendländischen Christenthums entsprechend, wurde durch die politische Geschichte der Kirche in der Zeit der Völkerwanderung nahezu perfect. Die Germanen, welche in den Kreis der Kirche eintraten und sich theils mit den Lateinern verschmolzen, theils selbständig — aber von Rom geleitet — blieben, empfingen das Christenthum in kirchlicher Gestalt als ein völlig Fertiges. Auf rein germanischem Boden — die chauvinistische Behauptung einer Prädisposition der Deutschen für das Christenthum lasse ich bei Seite 1 — hat daher Jahrhunderte hindurch eine selbständige theologische Bewegung nicht stattgefunden. Es giebt im Mittelalter kein germanisches Christenthum, wie es ein jüdisches, griechisches und lateinisches gegeben hat2. Mögen auch die Deutschen versucht haben, sich inniger mit dem lateinischen Christenthum vertraut zu machen, als z. B. die Slaven mit dem griechischen — man erinnere sich des Heliand's u. s. w. — 2, so fehlt doch jede Selbständigkeit in der klaren Aneignung desselben bis zu der Zeit, da sich die Bettelorden in Deutschland einbürgerten, ja eigentlich bis zur Reformationszeit. Klagen über die Bedrückungen der Päpste oder über das äussere Ceremonienwerk darf man hier nicht einmischen. Auch die Klagenden waren römische Christen, und die nie fehlenden Sectirer huldigten nicht einem „deutschen" Christenthum, son

1 Noch Seeberg, Dogmengesch. des Mittelalters S. 3 hat sie wiederholt.

8 Auch die Einflüsse des Germanischen auf die Gestaltung einiger mittelalterlicher Theologumena, die man in neuester Zeit hat nachweisen wollen, sind mindestens zweifelhaft (gegen Cremer, Die Wurzeln des Anselm'schen Satisfactionsbegriffis, in den Theol. Stud. u. Kritik. 1880 S. 7ff. und Seebe rg, a. a. 0. S. 123).

2 Der schlichten Frömmigkeit kam es hin und her zu statten, dass sie an dem Bau der Kirche nicht mitgezimmert hatte.

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