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mosynis seine kräftigste Ausprägung erfahren hat. Allein er tritt ehen nur zurück, bleibt aber doch der herrschende. Was der Vorzug des abendländischen Christenthums vor dem morgenländischen ist, der lebendigere Grottesbegriff, das starke Gefühl der Verantwortung gegenüber Gott als dem Richter, das durch keine Naturspeculation gehemmte oder aufgelöste Bcwusstscin von Gott als der sittlichen Macht, das erscheint durch die juristische Vergeltungs- und die pseudosittliche Verdienstlehre aufs schlimmste deteriorirt. Dem gegenüber war das Einströmen der neuplatonischen Mystik von hoher Bedeutung; denn es war so ein Gegengewicht gegen eine Auffassung geschaffen, welche die Religion in eine Reihe von Rechtsgeschäften aufzulösen drohte. Allein das stärkste Gegengewicht lag in der Lehre vom Glauben und von der Gnade, wie sie Augustin verkündet hat. Indessen wird sich zeigen, dass Augustin seine neue Auffassung so vorgetragen hat, dass sie das herrschende Schema nicht zersprengte, sondern vielmehr in dasselbe eingeordnet werden konnte — vielleicht der grösste Sieg, der je in der Religionsgeschichte von einer berechnenden Moral über die Religion erstritten worden ist!

Die Auffassung der Religion als eines Rechtsverhältnisses, welches sich in den Schematen lex, delictum, satisfactio, poena, meritum, praemium etc. bewegt, ist von Augustin nicht durchbrochen, vielmehr ist die gratia, rechtlich und dinglich ausgeprägt, in das Verhältniss eingestellt worden, so jedoch, dass es dem Einzelnen möglich blieb, das ganze Verhältniss von der gratia aus zu construiren. — —

In den bisherigen Ausführungen ist der Versuch gemacht, die verschiedenen Linien im Abendland aufzuweisen, die in Augustin zusammentreffen. Folgendes sei zum Schluss noch besonders hervorgehoben:

1) Neben der hl. Schrift stand im Abendland das Symbolum, die apostolische „lex", auf einer unerreichbaren Höhe, und da diese lex im Gegensatz zu demMarcionitismus, Sabellianismus, Arianismus und Apollinarismus ohne wesentliche Schwankungen und ohne Raisonnement als Bekenntniss zu der Einheit Gottes in drei Personen, sowie zu der Einheit Christi in zwei Substanzen gefasst wurde, so scheint die abendländische Kirche eine hohe Sicherheit in Ansehung des trinitarischen und christologischen Problems besessen zu haben. Allein mit dieser Sicherheit contrastirt die vielfach zu belegende Thatsache, dass unter der Hülle des officiellen Bekenntnisses im Abendland weit mehr Christologischhäretisches im Umlauf war und festgehalten wurde, als in den Kirchen des Morgenlandes, und dass speciell die christologische Formel, soweit sie nicht ganz unbekannt war, für die Laien und viele Kleriker lediglich ein Noumenon gewesen istDiese Thatsache wird ferner dadurch bestärkt, dass sich das Nachdenken der abendländischen Theologen, soweit sie nicht in die morgenländischen Streitigkeiten direct hineingezogen wurden, gar nicht auf die in jener „lex" enthaltenen Sätze richtete, sondern auf ganz andere Fragen. Nicht erst Augustin hat „Auslegungen des Symbols" geschrieben, in welchen völlig andere Fragen behandelt wurden, als man nach der Vorlage erwarten miisste, sondern schon die abendländischen Theologen von Cyprian an zeigen, dass sie als Christen und als Kirchenmänner in einem Complex von Ideen und Fragen leben, der mit den von den Antignostikern und den Alexandrinern behandelten Problemen und mit dem Dogma wenig zu thun hat.

2) Im Zusammenhang mit der Ausbildung der Bussdisciplin auf Grund der opera und merita (im Sinne von Satisfactionen) und entsprechend dem juristischen Geiste, der der abendländischen theologischen Speculation eigenthümlich ist, beginnt hier das sündentilgende Werk Christi in den Vordergrund zu treten. Nicht sowohl die Incarnation — diese ist Voraussetzung — als der Tod Christi wird als das punctum saliens betrachtet2, und er wird bereits nach allen denkbaren Richtungen hin als Opfertod, als Versöhnung, als Erkaufung, als stellvertretende Leistung des Kreuzestodes behandelt, zugleich wird schon von Ambrosius das Verhältniss (reconciliatio, redemptio, satis

1 Ich hin darauf schon Bd. I (2. Aufl.) S. 632 f. kurz eingegangen. Augustin (Confess. VII, 19) glaubte bis zur Zeit seiner Bekehrung, die katholische Kirchenlehre von Christus sei ungefähr mit der Photin's identisch; sein Freund Alypius dagegen meinte, die Kirche spreche Christus die menschliche Seele ab. Aus des Hilarius' Werk de trinitate erkennt man, wie viele christologische Auffassungen iu den abendländischen Gemeinden im Umlauf waren, darunter auch die rquod in eo ex virgine creando efficax Dei sapientia et virtus exstiterit, et in nativitate eius divinae prudentiae et potestatis opus intcllegatur, sitque in eo efficientia potius quam natura sapientiae". Üptatus muss (I,8) an Parmenian rügen, dass derselbe das Fleisch Christi sündig genannt und behauptet habe, es sei durch die Taufe gereinigt worden. Der Gedanke des Hippolyt (Philos. X, 33): E-. -fäf, b fl-so; 9-eäv ijJHV»^ itor?joai, souv/xo ' t/tii i'A X070U Xc, Kapäottf |iot, zieht sich trotz der Zweinaturenlehre und der Aufnahme griechischer Speculationen als verborgener Faden durch die christologischen Aussagen des Abendlandes. Wir werden sehen, dass auch bei Ambrosius und Augustin ein versteckter, aber mit Absicht conservirter Rest der alten adoptianischen Auffassung zu finden ist. (Wie derselbe, zu beurtheilen, darüber s. oben sub 2.) — Die Einflüsse der mauichäischeu Christologie auf viele untergeordnete Geister in den abendländischen Kirchen mögen hier auf sich beruhen.

2 Pseudo-Cypriau, de duplici martyrio 16: „Domini mors potentior erat quam

vita."

factio, immolatio, meritum) zur Sünde als Schuld (reatus) erörtert. Unter solchen Umständen fiel der Accent auf die menschliche Natur Christi: der Opfernde und das Opfer ist der Mittler als Mensch, der seinen Werth durch die göttliche Natur erhält, freilich ebensowohl durch die acceptatio seitens der Gottheit. Somit besass das Abendland ein eigenes christologisches Schema, in welchem zwar die Formel von den zwei Naturen den Ausgangspunkt bildete, welches aber in der Richtung yerfolgt wurde, dass der Mittler als der Mensch erschien, dessen freie Leistung vermögo der besonderen Veranstaltung Gottes einen unendlichen Werth besitzt' (Optat. 1,10: „mundus reconciliatus deo per carnem Christi"). Von hier aus ist es verständlich, dass sich Augustin in nicht wenigen Ausführungen in einen freilich verdeckten Widerspruch zur Lehre von der göttlichen Natur Christi setzt, indem er die Vorzüge des geschichtlichen Christus so erörtert, als sei jene Natur gar nicht vorhanden, sondern als sei Christus Alles aus Gnaden gegeben worden2. Von hier aus erklärt es sich ferner, dass nachmals im Abendland immer wieder der gemilderte Adoptianismus aufgetaucht ist2, der vom Standpunkt der consequenten griechischen Christologie aus die schlimmste Häresie ist, weil er das ganze Gefüge dieser Christologie sprengt und ihre Abzweckung verwirrt. Endlich erklärt es sich auch von hier, dass nachmals abendländische Christen, zumal solche, welche die mystisch-mönchische Praxis des Umgangs mit dem keuschen Bräutigam Christus gelernt hatten, die christologische Anschauung wesentlich auf das „Ecce homo" reducirt haben. Die Lebendigkeit und erschütternde Kraft, welche dieses Bild für sie besass und sie über Leiden und Schmerzen erhob, kann darüber nicht täuschen, dass hier die kirchliche Christologie nur noch als Formel beibehalten ist. Allein, dass der alte abendländische Ansatz zur Grundlage einer Betrachtung geworden ist, welche es der Phantasie und Stimmung überliess, die Bedeutung der Person Christi festzustellen, darf nicht als nothwendige Folgerung aus ihm bezeichnet werden. Vielmehr entspricht dieser Ansatz (Christus steht unter der Gnade des Vaters, führt aus, was ihm der Vater gegeben, und wird vom Vater erhöht) den deutlichsten Stellen des NT.'s und ist der ein

• Das Nähere s. Bd. II S. 177 ff. Ritsehl, Lehre v. d. Rechtfertigung u. Versöhnung. 2. Aufl. I S. 38, in S. 362. Gesch. des Pietism. III S. 426 ff.

s S. z. B. die merkwürdigen Ausführungen ad Laurentium c. 36 sq. Die göttliche Natur wird freilich als im Hintergrunde ruhend betrachtet; allein in den Vordergrund tritt an Jesus Christus der „einzelne" Mensch, der ohne vorangegangenes Verdienst aus Gnaden in die Gottheit aufgenommen wird.

'S. die Nachweisungen in Bach's Dogmengesch. des Mittelalters Bd. II. Hamide, Dogmengeschichte III. 4

zige Schutz gegenüber den superstitiösen, das Evangelium entleerenden Vorstellungen der Griechen. — Allein nicht die verschiedenen Versuche des Mittelalters, das Werk Christi abzuschätzen, sondern vielmehr die ganze Tendenz, das Christenthum als Religion der Versöhnung zu verstehen, ist von entscheidendem Werth; denn in dieser Tendenz spricht sich die Furcht vor dem richtenden Gott in charakteristischer Weise aus, die im Morgenland hinter den mystischen Speculationen zurückgetreten ist

3. Ein scharfes Auge gewahrt, dass die soteriologische Frage — wie wird und bleibt der Mensch seiner Sünden ledig und gelangt zum ewigen Leben? — im 4. Jahrhundert die Nachdenkenden in der abendländischen Kirche bereits lebhaft beschäftigt hat und zwar so, dass (im Unterschied vom Morgenland) die religiöse und sittliche Seite des Problems nicht mehr getrennt erscheinen. Allein zu einer scharfen Fragestellung ist es vor dem pelagianischen Kampf noch nicht gekommen, da die Oontroversen mit Heraklius und Jovinian keine nachhaltige Bewegung zur Folge hatten. Die Ansichten gingen noch, zum Theil bei ein und demselben Schriftsteller, bunt durcheinander. Sehe ich recht, so lassen sich für die Zeit um 400 fünf verschiedene Auffassungen unterscheiden: 1) die manichäische, die im Finstern schlich, aber sich grosser Verbreitung, selbst im Klerus, erfreute; nach ihr ist das Böse eine reale, physische Macht und wird durch die ebenso physische Macht des Guten, die an Naturpotenzen und an Christus geknüpft ist, in dem Einzelnen überwunden2; 2) die ncuplatonisch-alexandrinische; nach ihr ist das Böse das Nichtseiende, das noch nicht Gewordene, die nothwendige Folie des Guten, der Schatten des Lichts, das dem „Vielen" im Gegensatz zum „Einen" anhaftende Transitorische, und die Erlösung ist die Rückkehr zum Einen, zum Seienden, zu Gott, die Gottinnigkeit in der Liebe; Christus ist für solche Rückkehr Kraft und Krücke; denn „Kräfte und Krücken kommen aus einer Hand"2; 3) die rationalistisch-stoische; nach ihr ist das höchste Gut die Tugend; die Sünde ist die böse Einzelthat, die dem freien Willen entspringt; die Erlösung ist die Zusammenfassung des Willens und die energische Richtung desselben auf das Gute; auch hier ist das Historische und

1 S. Bd. IT S. 67.

2 S. über die Verbreitung des Manichäismus im Abendland Bd. I S. 737 tf. Er ist dort immer christlicher und daher gefährlicher geworden. Ueber seine Bedeutung für Augustin s. unten.

8 S. die Auffassungen des Ambrosius, Victoriaus, Augustinus.

Christologische im Grunde nur Krücke '. Alle diese drei Auffassungen legen auf die Askese das höchste Gewicht; 4) die sacramentale, laxe; wir können sie bei Heraklius2 und Jovinian 2 constatiren; nach ihr hat der mit rechtem Glauben Getaufte die Bürgschaft der Seligkeit; die Sünde kann ihm nicht schaden; kein reatus peccati kann ihn treffen. Näher stellt sich Jovinian's Lehre also dar: a) die, welche mit vollem Glauben in der Taufe wiedergeboren sind, können vom Teufel nicht zu Fall gebracht werden, b) alle Getauften haben dieselbe Seligkeit zu erwarten; die Heiligung vermehrt nicht die Seligkeit, sondern bewahrt sie nur: „sicut sine aliqua differentia graduum Christus in nobis est, ita et nos in Christo sine gradibus sumus"; c) Ehelosigkeit, Speiseenthaltung und Martyrium haben vor Gott keinen höheren Werth als Eheführung, dankbarer Speisengenussu.s.w. Wüssten wir gewiss, dass Jovinian bei dieser Betrachtung dem Glauben die entscheidende Bedeutung beigelegt hat, so könnte man ihn, wie es neuerdings geschehen ist, als einen „Protestanten seiner Zeit", als „den tiefsten, originellsten, durch Entschiedenheit ausgezeichnetsten" unter den evangelischen Wahrheitszeugen des Alterthums bezeichnen und ihn mit Vigilantius4 in den protestantischen Heiligenkalender einstellen. Allein wenn auch Manches dafür spricht, dass Jovinian im paulinischen Sinne sich gegen die Werke aufgelehnt hat, so ist es doch unwahrscheinlich, dass im 4. Jahrhundert ein radicaler Protest gegen die mönchische Heiligung des Lebens aufgetaucht ist, der nicht zu seiner Kehrseite magische und laxe Vorstellungen gehabt hat. Desshalb urtheilt man, solange nicht Jovinian's Schrift vorliegt, vorsichtiger, wenn man in seiner Lehre eine Fortsetzung der Ansichten sieht, welche die Laxen nach den Verfolgungen des Decius und Diocletian proclamirt haben, und die dann, nachdem man sich eingehender mit den paulinischen Briefen beschäftigt hatte, eine biblische Begründung bekommen haben mögen 5. Immerhin aber ist eine solche Er

1 S. die abendländischen Popularphilosophen im Stile Cicero's, aber auch Ambrosius' de officiis. 'S. oben S. 36.

'Wir sind durch Ambrosius, Hieronymus, Augustin und Siricius über ihn unterrichtet.

* S. über dessen charaktervolles Auftreten gegen die Auswüchse der Superstition nnd Möncherei die erbärmliche Schrift des Hieronymus advers. Vigilantium, die an Gemeinheit nur durch die Bücher gegen Jovinian desselben Schriftstellers übertroffen wird.

6 Es ist schon oben (S. 41) darauf aufmerksam gemacht worden, dass im abendländischen Katholicismus nach den Verfolgungsstürmen aus der Noth eine Gnadenund Sacramentslehre entstanden ist. Der Widerwille gegen das Mönchthum in

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