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tungen des menschlichen Wesens und aus der Speculation über die ersten und letzten Dinge herausgehört hat. An dem Geiste, der Gottes ledig ist, ist Alles eitel Sünde; nur dass er ist, ist noch gut an ihm. Die Sünde ist die Sphäre und die Form des inneren Lebens jedes natürlichen Menschen. Dass ein grosser Abfall dem heutigen Zustande des Menschengeschlechts zu Grunde liegt, war in allen theologischen Systemen von Paulus bis Origenes und weiter behauptet worden. Aber erst Augustin hat diesen Abfall, als in jedem natürlichen Menschen noch jetzt bestehend und ihn verdammend, allem religiösen Empfinden und allem theologischen Denken zu Grunde gelegt. Für die Apologeten war der Abfall ein unsicheres Datum gewesen, für Origenes ein vorzeitliches Verhängniss. Für Augustin war er die lebendigste Thatsache der Gegenwart, die, von dem Anfang her fortwirkend, das Leben des Einzelnen und des ganzen. Geschlechts bestimmte. Ferner, alle Sünde ist Sünde an Gott; denn der geschaffene Geist hat nur ein dauerndes Verhiiltniss, das Verhältniss zu Gott. Die Sünde ist das Selbst-sein-wollen, das stolze Trachten des Herzens (superbia); darum ist ihre Form die Begierde und die U n r u h e. In dieser Unruhe offenbart sich die niemals gestillte Lust und die Furcht. Die Furcht ist das Böse. Aber in dieser Unruhe offenbart sich auch das unverlierbare Gute des aus Gottes Hand hervorgegangenen Geistes: „Felices esse volumus et infelices esse nolumus, sed nec velle possumus" '. Wir müssen nach Gütern streben, nach der Seligkeit. Aber es giebt nur ein Gut, eine Seligkeit und eine Ruhe: „Mihi adhaerere deo bonum est". Hierin ist Alles beschlossen. Nur im Elemente Gottes lebt die Seele. „Quis mihi dabit acquiescere in te? Quis mihi dabit ut Temas in cor meum et inebries illud, ut obliviscar mala mea et unum bonum meum amplectar te? Quid mihi es? Miserere, ut loquar. Quid tibi sum ipse, ut amari te iubeas a me, et nisi faciam irascaris mihi et mineris ingentes miserias? . . . Die mihi per miserationes tuas, domine deus meus, quid sis mihi. Die animae meae: Salus tua ego sum. Sic die, ut audiam. Ecce aures cordis mei ante te, domine; aperi eas, et die animae meae: Salus tua ego sum. Curram post vocem hanc et apprehendam te. Noli abscondere a me faciem tuam; moriar ne moriar, ut eam videam. Angusta est domus animae meae quo veniaa ad eam; dilatetur abs te. Ruinosa est; refice eam. Habet quae offendant oculos tuos; fateor et

1 De Trinit. XIII, 4. De civit. dei XI, 26: „Tam porro nemo est qui esse se nolit, quam nemo est qui uon esse beatus velit. Quo modo enim I>otest beatus esse, si nihil sit?"

scio; sed quis mundabit eam? aut cui alteri praeter te clamabo?" '. Der Gott, der uns erschaffen, hat uns durch Jesus Christus erlöst. Das heisst aber nichts anderes, als dass er uns wieder in die Gemeinschaft mit sich selbst führt. Das geschieht durch die Gnade und die Liebe und wiederum durch den Glauben und die Liebe. Durch die Gnade, die uns ergreift und ex nolentibus volentes macht, die uns ein unbegreiflich neues Wesen giebt, indem sie uns neu gebiert, und durch die Liebe, welche den schwachen Geist stärkt und ilm mit Kräften des Guten erfüllt. Durch den Glauben, der sich an das Wort „quod scriptum est et apostolicae disciplinae robustissima auctoritate firmatum" hält: „der durch den Glauben Gerechte wird leben", und durch die Liebe, die in Demuth auf alles Eigene verzichtet und Lust hat an Gott und seinem Gesetz. Glaube und Liebe stammen von Gott; denn sie sind das Mittel, durch welche sich der lebendige Gott uns zu eigen giebt. Als ein immerwährendes Geschenk und als ein heiliges Geheimniss betrachtet die Seele diese Güter, in denen sie Alles erlangt hat, was Gott verlangt; denn ein mit Glaube und Liebe ausgerüstetes Herz erfüllt die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Der Friede Gottes ist ausgegossen über die Seele, die den lebendigen Gott zum Freunde hat; sie ist aufgestiegen aus der Unruhe zur Ruhe, aus dem Suchen zum Finden, aus der falschen Freiheit zur freien Nothwendigkeit, aus der Furcht zur Liebe; denn die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Sie kann keinen Moment vergessen, dass sie in Welt und Sünde verstrickt ist, solange sie in dieser Welt lebt; aber sie denkt keinen Moment über die Sünde nach, ohne nicht des lebendigen Gottes zu gedenken, der ihre Stärke ist. Durch Glaube, Demuth und Liebe überwundenes Sündenelend — das ist die christliche Frömmigkeit. In dieser Stimmung soll der Christ leben. Er soll fortwährend den Schmerz empfinden, den die Sünde bereitet, die Loslösung von Gott; aber er soll sich zugleich dessen getrösten, dass die Gnade Gottes ihn ergriffen hat, dass der Herr Himmels und der Erde seine Liebe ausgegossen hat in das Herz, und dass diese Liebe ebenso mächtig nach wie in der Taufe wirkt2. So hat Augustin au die SteUe der überkommenen Empfindungen des Getauften — Furcht und Hoffnung — die Elemente der Unruhe, vielmehr die Elemente der Ruhe, Glaube und Liebe, gesetzt; an die Stelle eines unsicheren und schwankenden Begriffs der Sünde die Erkenntniss ihrer Macht und ihres Schreckens, an die Stelle eines noch unsichereren Begriffs

1 Coufess. I, 5.

- Enchir. 64: ,Excepto baptismatis munere ipsa etiam vita cetera, quantalibet praepolleat foecunditate iuslitiae, sine peecatorum remissione non asfitur".

der Gnade die Erkenntniss ihrer Allgewalt. Die Hoffnung hat er nicht gestrichen, vielmehr aufs kräftigste die alte Stimmung bewahrt, dass dieses Leben nicht werth ist der Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden. Aber indem er die Ruhe empfunden und gepredigt hat, welche der Glaube und die Liebe verleihen, hat er die stürmische und fanatische Gewalt der Hoffnung in eine sanfte und sichere Gewissheit umgewandelt'.

Ich habe hier den Augustin wiedergegeben, wie er uns vornehmlich in den Oonfessionen entgegentritt. Dieses Buch gewährt den Vortheil, dass die Darstellung in demselben durch keine particularen Absichten bestimmt ist. Das Ausgeführte ist keineswegs vollständig; man müsste ihm mehr als eine Oautele hinzufügen, um völlig gerecht zu sein2. Ferner hat die Ausführung absichtlich nur die Grundlinien ins Auge gefasst und auch nur die eine Richtung ausgeprägt, in welcher die epochemachende Bedeutung Augustin's hervortritt. Allein dass sie die entscheidendste ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Wenn wir abendländische Christen es nicht anders wissen, als dass sich die Religion zwischen den Polen Sünde und Gnade (Natur und Gnade) bewegt, wenn wir die Sittlichkeit dem Glauben unterordnen, sofern wir den Gedanken einer selbständigen, dem Religiösen gegenüber indifferenten Sittlichkeit ablehnen, wenn wir glauben, viel achtsamer auf das Wesen der Sünde sein zu müssen, als auf ihre Erscheinungsformen (die Wurzeln ins Auge fassen, nicht die Abstufungen und Thaten), wenn uns die generelle Sündhaftigkeit als Voraussetzung der Religion feststeht, wenn wir von den eigenen Kräften nichts erwarten, wenn wir in dem Gedanken der Gnade Gottes und des Glaubens alle Heilmittel zusammenfassen, wenn an die Stelle der Predigt von der Furcht, der Reue und der Hoffnung die Predigt vom Glauben und von der Gottesliebe getreten ist2, wenn wir endlich zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Gaben und Aufgaben, die Gott giebt, unter

1 Inwiefern durch die Aufnahme vulgär-katholischer Elemente in seiner Frömmigkeit Augustin doch die Unsicherheit und Unruhe nicht überwunden hat, davon wird später die Rede sein.

* Die wichtigste Cautele — dass Augustin seine neue Empfindungs- und Betrachtungsweise der alten angepasst hat — wird später zur Sprache kommen; sie ist in dem Ausgeführten nur leise angedeutet.

"Ich brauche wohl nicht dasMissverständniss abzuwehren, als wäre derGlaube für die voraugustinische und griechische Kirche nicht von fundamentaler Bedeutung gewesen. Hier bandelt es sich darum, in welcher Stimmung der Christ war. Der voraugustinische Christ beurtheilte den Glauben als selbstverständliche Voraussetzung der Gerechtigkeit, die er selbstthätig zu erwerben habe.

scheiden — so empfinden wir mit den Empfindungen Augustin's, denken in seinen Gedanken, reden in seinen Worten1.

Wer könnte leugnen, dass sich die Religion in dieser Weise zu empfinden und zu denken tiefer erschlossen hat, dass die Krankheit sicherer erkannt und die Heilung zuverlässiger nachgewiesen ist? Wer könnte den Gewinn verkennen, wo das lebendige Gemüth, das Bedürfniss der Seele, der lebendige Gott, der Friede, der in der Stimmung des Vertrauens und der Liebe liegt, entdeckt sind? Wer könnte — auch wenn er nur als uninteressirter „Culturhistoriker" diese Erscheinungen studiren wollte — sich dem Eindruck entziehen, dass hier ein Fortschritt mindestens in der psychologischen Erkenntniss gemacht ist, der nicht mehr verloren gehen kann? In der That — die Geschichte scheint zu lehren, dass das Gewonnene innerhalb der christlichen Kirche nicht mehr untergehen kann, ja sie bezeugt, wie es scheint, noch mehr: dass hier eine Grenze erreicht ist, über welche hinaus die Stimmung der Frömmigkeit sich nicht weiter zu entwickeln vermag. Wir mögen Umschau halten unter allen den Männern und Frauen im Abendland seit Augustin's Zeiten, welche die Geschichte als hervorragende Christen der Stimmung wegen bezeichnet hat, die sie beherrschte — es ist immer dieselbe Art: das ausgeprägte Sündenbewusstsein, der volle Verzicht auf die eigene Kraft, die Zuversicht auf die Gnade, auf den persönlichen Gott, der in der humilitas Christi als der Barmherzige ergriffen wird. Zahlreich sind freilich noch die Spielarten dieser Stimmung — wir kommen später auf sie zu reden —; aber der Grundtypus ist derselbe. Und diese Stimmung wird in der Predigt und im Unterricht von wahrhaft frommen Katholiken und Evangelischen gelehrt; zu ihr werden die jugendlichen Christen erzogen; ihr entsprechend wird die Dogmatik ausgeprägt. So ergreifend

1 Man wende nicht ein, das sei die Lehre der Schrift. Erstlich hat die Schrift keine einheitliche Lehre; zweitens deckt sich selbst der Gedankenkreis des Paulus, dem der augustinische hier am nächsten kommt, doch nicht vollständig mit diesem. Aber anzuerkennen ist allerdings, dass die augustinische Reformation ganz wesentlich eine paulinische Re action gewesen ist gegenüber der herrschenden Frömmigkeit. Augustin erscheint gewissermassen als zweiter Marcion; s. Bd. I S. 116, Reuter, August. Studien S. 492: „Man kann vielleicht sagen, der Paulinismus, welchen die werdende katholische Kirche sich nur halb zum Verständniss gebracht, welchen Marcion in excentrischer Einseitigkeit zu erschliessen versucht, welche jene in Opposition gegen diesen nahezu abgewiesen hatte, sei von unserem Kirchenvater zum zweiten Male in der Art ausgebeutet, dass manches bisher vulgär Katholische umgestimmt worden." Es folgt eine Parallele zwischen Augustin und Marcion. Die Trias, „Glaube, Liebe, Hoffnung", ist paulinisch und findet sich fast bei allen Kirchenvätern; aber erst Augustin hat sie wieder fruchtbar gemacht (vielleicht hat er hier von Jovinian gelernt).

Harnack, Dogmengeschichte III. 5

wirkt sie noch immer, selbst wo sie nur als das Erlebniss Anderer vorgetragen wird, dass sie der nicht vergessen kann, der einmal von ihr berührt worden ist: sie begleitet ihn als Schatten am Tage und als Licht in der Nacht; wer wähnt, sie längst abgestossen zu haben, dem taucht sie plötzlich wieder auf. Wohl ist ihr seit den Tagen Leibniz's und der Aufklärung ein gewaltiger Gegner erwachsen, ein Feind, der sie sogar während eines Jahrhunderts bezwungen zu haben schien, der die christliche Religion, soweit er sie überhaupt gelten liess, wieder auf thatkräftiges Handeln zurückführte und ihr die Folie eines freudigen Optimismus gab, eine Denkweise, die den lebendigen Gott in die Ferne rückte und das Religiöse dem Sittlichen unterordnete — aber dieser Gegner erlag in unserem Jahrhundert, wenigstens innerhalb der Kirchen, der Gewalt der alten Stimmung. Ob dieser Sieg Augustin's die Gewähr der Dauer hat, vermöchte nur ein Prophet zu sagen. Gewiss ist nur, dass die Constellation von Umständen im Kampfe dem Sieger günstig gewesen ist.

Kirchlicherseits herrscht darüber kein Zweifel, dass die augustinische Empfindung und Denkweise die allein im Christenthum berechtigte ist, dass sie die christliche selbst ist; denn der Gedanke der Erlösung (durch Gott selbst) im Sinne der Wiedergeburt beherrscht Alles. Allein man muss doch stutzig werden, wenn man erwägt, dass sie aus den sichersten Worten Jesu keineswegs einfach abgeleitet werden kann, und dass die alte und die griechische Kirche sie so nicht kennen. Man muss ferner bedenklich werden, wenn man ihre Folgen erwägt; denn diese legen nicht nur günstiges Zeugniss für sie ab. Ein quietistisches, fast möchte ich sagen narkotisches Element ist in ihr enthalten oder gesellt sich ihr doch unvermerkt bei. Es liegt in ihr Etwas verborgen, was die lebendigen Kräfte zu lähmen, die Anspannung des Willens zu hemmen scheint, und an die Stelle der That Gefühle setzt. Ist es ungefährlieb, ein allgemeines Sündenbewusstsein an die Stelle deutlicher böser Neigungen, herzloser Worte und schimpflicher Handlungen zu setzen? Ist es unbedenklich, sich auf eine stetig wirkende Gnade zu verlassen, wo es gilt, vollkommen und heilig zu sein wie Gott? Werden alle Kräfte des Willens dort wirklich entbunden, wo die Seele in der stetigen Stimmung der „Confessionen" lebt? Sind die Furcht und die Hoffnung wirklich Momente, die durch den Glauben und die Liebe abgelöst werden müssen? Vielleicht ist es richtig, alle diese Fragen im Sinne der hier betrachteten Denkweise zu beantworten; aber auch dann noch bleibt ein Bedenken übrig. Ist es zweckmässig, auf allen Stufen innerer Entwickelung — von den ver

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