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schiedenen Temperamenten der Menschen abgesehen — dieses Ideal als Ziel vorzustellen? Hier mindestens kann die Antwort nicht zweifelhaft sein. Was dem Geförderten, der durch eine reiche Erfahrung hindurchgegangen, das Letzte ist, zu dem er gelangt, das wird für den sich Entwickelnden ein Raffinement. Eine raffinirte Frömmigkeit und Moral ist aber stets schädlich; denn sie setzt nicht mehr an dem Punkte der Pflicht und des Gewissens ein. Sie täuscht über das Bedürfniss und über die Befriedigung desselben. Und da sie Kraft genug hat, um zu fasciniren, und auch von einem wenig geförderten Verständniss als Doctrin begriffen werden kann, um dann, einmal begriffen, nicht wieder zu verschwinden, so vermag sie der Moral und desshalb auch der Frömmigkeit gefährlich zu werden. Denn im Grunde hat auf beiden Gebieten nur das einen Werth, was die Thatkraft zum Guten erhöht; alles Andere ist ein giftiger Nebel. Vielleicht giebt es, wenn man es recht erwägt, überhaupt keine allein berechtigte Empfindung und Stimmung im Religiösen und keine allein berechtigte Theorie der Factoren des religiösen Processes. Wie der Mensch des Schlafes und des Wachens bedarf, so muss er auch, um sein sittliches und religiöses Leben gesund zu erhalten, abwechseln zwischen der Stimmung seiner Freiheit und Kraft und seiner Gebundenheit und Ohnmacht, zwischen dem Gefühl der vollen sittlichen Verantwortlichkeit und der Gewissheit, ein begnadigtes Gotteskind zu sein. Oder giebt es ein Mittel, die Empfindungs- und Denkweise Augustin's so zu fassen, dass sie den Glauben zu dem stärksten Hebel sittlicher Kraft zu gestalten vermag? Liegen die Bedenken, die sich gegen die Art seiner Frömmigkeit erheben, vielleicht gerade darin, dass er diese Art noch nicht kräftig und rein genug entwickelt hat?

Diese Frage wird später ihre Antwort finden. Hier sollte darauf hingewiesen werden, dass die Verbreitung der religiösen Eigenheit Augustin's nicht in jeder Hinsicht segensreich gewesen ist. Sie war seine Grösse; sie hat ihn in die wunderbare Bahn geleitet, die er beschritten hat; sie hat ihn dazu geführt, die Erlösung nicht mehr als einen einmaligen Eingriff in den Gang des Menschenlebens (durch die Taufe) zu fassen, sondern als das Element, in welchem die Seele lebt (daher auch die Taufgnade als stetig fortwirkende Kraft). Eigenheiten liegen über dem Gebiet von Irrthümern und Wahrheiten; sie können irrthümlich nach Aussen, wahrhaft nach Innen sein. Sie können eben desshalb als Inf lue nzen auch schädlich werden, denn „indem sie Fremdes über eine Masse heranführen, so fragt es sich, wie diese ankommenden Eigenheiten sich mit den einheimischen vertragen, und ob sie nicht eben durch Vermischung einen krankhaften Zustand hervorbringen" Dennoch kann darüber kein Zweifel sein, dass Augustin der überlieferten religiösen Stimmung eine Correctur eingefügt hat, wie sie einschneidender nicht gedacht werden kann, und auch der, der nicht im Stande ist, sie uneingeschränkt zu preisen, wird ihren Segen nicht verkleinern wollen 8.

II. Niemand war weiter davon entfernt, die kirchliche Ueberlieferung corrigiren zu wollen, als Augustin. Wenn er in so nachdrücklicher Weise das gethan hat, so bewegte ihn selbst doch nur die Empfindung, sich dadurch immer tiefer in den Kirchenglauben einzuleben. Durch den Skepticismus zur Wahrheit der katholischen Kirche hindurchgedrungen, betrachtete er diese als den Fels seines Glaubens. Man würde ihn missverstehen, wollte man diese Thatsache escamotiren. Er stellt uns vielmehr die Aufgabe, darüber nachzusinnen, wie es möglich ist, dass die lebendigste Frömmigkeit einen doppelten Grund ihrer Gewissheit haben kann, das innere Erlebniss und die äussere, ja äusserlichste Beglaubigung. Es lässt sich hier sogar noch mehr sagen: erst Augustin hat die Autorität der Kirche in eine religiöse Grösse verwandelt; erst er hat die fromme Betrachtung, die Gottes- und Selbstbeurtheilung so ausgeprägt, dass der Fromme neben der Sünde und der Gnade stets auch die Autorität der Kirche findet 2. Zwar haben schon Paulus und nachapostolische Lehrer, vor Allem Tertullian, die Kirche in das religiöse Verhältniss selbst eingeführt 4; allein sie dachten dabei nicht an die Autorität derselben.

Wenn man die eigenthümliche Art der christlichen Frömmigkeit Augustin's als Grundlage seiner Bedeutung für die Kirchen

1 Vgl. Goethe in der wunderbaren Reflexion über Lorenz Sterne, Werke (Hempel'sche Ausgabe) Bd. 29 S. 749 f.

8 Was Augustin über die Kirche ausgeführt hat, rechne ich weder zu seinen Grossthaten, noch kann ich es für die das Sachliche bestimmende Centralidee halten.

* Zutreffend Reuter (a. a. O. S. 494): „Gar manche Momente der bisherigen traditionellen auctoritativen Doctrin sind durch ihn in wirklich religiöse Grössen verwandelt; er hat in den Kreisen, iu denen, auf die er wirkte, eine Umstimmung des religiösen Bewusstseins bewirkt, ohne doch die Katholicität desselben gefährden zu wollen." Vgl. auch S. 102 (71—98): „Vieles vulgär-Katholische ist durch Augustin umgestimmt, aber längst nicht alles."

4 S. De bapt. 6: „Cum autem sub tribus et testatio fidei et sponsio salutis pignerentur, necessario adicitur ecclesiae mentio, quoniam ubi tres, id est pater et filius et spiritus sanctus, ibi ecclesia, quae trium corpus est." De orat 2: „Pater ... filius . .. ne mater quidam ecclesia praeteritur. Si quidem in filio et patre mater recognoscitur, de qua constat et patris et filü nomen." De monog. 7: „vivit enim unicus pater noster et mater ecclesia." Ueberall liegt hier das Symbol zu Grunde. und Dogmengeschichte ins Auge fassen will, so darf man nicht nur seine Sünden- und Gnadenlehre in ihrer entscheidenden Tendenz betrachten, sondern muss es auch würdigen, wie er überlieferte Elemente aufgenommen und eigenthümlich umgebildet hat. Denn von hier aus hat seine Frömmigkeit, d. h. seine Gottes- und seine Sündenund Gnadenempfinduug, die Gestalt gewonnen, welche uns als die specifisch katholische geläufig ist. Neben dem (1) schon genannten Element der Autorität der Kirche sind es, wenn ich recht sehe, noch drei: 2) die Vertauschung des persönlichen Verhältnisses zu Gott mit einer s a c r am e nt a 1 en Gnadenmittheilung, 3) die Unsicherheit über das Wesen des Glaubens und der Sündenvergebung, 4) die Unsicherheit über die Bedeutung des gegenwärtigen Lebens. Auch in der Art, wie er in diesen Dingen empfunden und geschrieben hat, hat er neue Stimmungen erzeugt; aber sie erscheinen doch nur als Modificationen der alten oder vielmehr — er hat die alten hier erst zur Klarheit über sich selber gebracht, resp. aus todten Stoffen, die sie mitführten, bereichert. Das hat dann auf die Grundstimmung — die Sünden- und Gnadenempfindung — sehr energisch eingewirkt und ihr erst die Gestalt gegeben, die es ihr ermöglichte, sich der Gemüther zu bemächtigen, ohne eine Revolution zu erzeugen oder einen gewaltsamen Bruch mit Ueberliefertem herbeizuführen.

Nur in den Grundzügen sei im Folgenden von diesen vier Elementen die Rede 1:

1 Dass Augustin mit der Vergangenheit der Kirche in allem Uebrigen aufs engste verbunden gewesen ist (Schrift, Lehrbekenntniss u. s. w.), braucht nicht erst gesagt zu werden. Daneben theilte er auch die Auffassung von der kirchlichen Wissenschaft in ihrem Verhältniss zum Glauben mit seinen Zeitgenossen und hatte in vielen Stücken ebenso naive Vorstellungen von den Grenzen und dem Spielraum des "Wissens wie sie. Besass er auch die Fähigkeit psychologischer Beobachtung in viel höherem Grade als seine Vorgänger, so hat er doch die absolute Denkweise beibehalten und bei aller skeptischen Zurückhaltung, die er in einzelnen Fragen geübt hat, doch jenes kosmologisch-ethisch-mythologisch-rationalistische Conglomerat weiter ausgebildet, welches damals Wissenschaft hiess. Ebenso war er in allen Vorurtheilen der damaligen Exegese befangen. Dazu kommt endlich, dass er, obgleich minder leichtgläubig als seine Zeitgenossen, doch wie Origenes in den Vorurtheilen, der Wundersucht und dem Aberglauben des Zeitalters steckte. Seine Werke, nüchtern im Vergleich mit vielen anderen Elaboraten der Epoche, sind doch auch von Wundergeschichten angefüllt: ein Sklave, der durch Gebet in drei Tagen ohne menschliche Hülfe lesen lernt, Gottesurtheile, wunderthätige Gebeine u. s. w. Ja er hat das Absurde erst kirchlich unentbehrlich gemacht. Seit Augustin giebt es ganz absurde kirchliche Lehren, welche preiszugeben doch nicht

1. Die Autorität der Kirche hat Augustin aus zwei Gründen als religiöse Grösse eingeführt. Wie der Erlösungsgedanke, so scheint die Bedeutung der Kirche hei oberflächlicher Betrachtung in der Auffassung der altkatholischen und griechischen Väter so souverän und fest ausgeprägt zu sein, dass eine Steigerung unmöglich ist. Sieht man aber näher zu, so ist die Erlösung als einmaliger Eingriff vorgestellt, und die Bedeutung der Kirche erschöpft sich darin, dass sie zwar die Voraussetzung des christlichen Lebens und die Verbürgerin der christlichen Wahrheit ist, aber in die einzelnen Acte, in denen das religiössittliche Leben innerlich verläuft, nicht eingreift. Auch hier gilt das Rothe'sche Wort, dass man im Stillen „seine Einrichtung auf die Eventualität hin traf, dass doch am Ende Alles von den Menschen allein möchte gethan werden müssen". Dieser „Einrichtung" lag seit den Tagen der Apologeten die optimistische Auffassung von der unverlierbaren Güte der menschlichen Natur und von der Beweisbarkeit (Klarheit und Verständlichkeit) der christlichen Religion zu Grunde: der Verlauf des spontanen sittlichen Lebens wird schliesslich weder durch die Lehre von der Erlösung noch durch die Lehre von der Kirche modificirt.

In beiden Beziehungen hatte Augustin ganz andere Erfahrungen gemacht. Der Kampf gegen sich selber hatte ihn von der Schlechtigkeit der menschlichen Natur überzeugt, und durch den Mani chäismus war er über die Grundlagen und die Wahrheit des christlichen Glaubens völlig zweifelhaft geworden'. Seine Zuversicht zur Rationalität der christlichen Wahrheit war aufs tiefste erschüttert, und sie ist ihm niemals wiederhergestellt worden, d. h. als denkendes Individuum hat er niemals wieder die subjective Gewissheit gewonnen, dass die christliche Wahrheit — als solche muss Alles betrachtet werden, was in den beiden Testamenten steht — klar, widerspruchslos und beweisbar sei2. Als er sich daher

ohne Gefahr ist, weil sie Gewissenhaftigkeit, Strenge in der Selbstbeurtheilung und Zartheit des Gcmüthes hervorgerufen haben oder doch diesen Tugenden ein Halt geworden sind, wie der Stab den Ranken (s. z.B. Augustin's Erbsündenlehre). Aber wie alles Absurde haben sie auch blinden Fanatismus und furchtbare "Verzweiflung erweckt.

1 S. Renter, a. a. O. S. 490 f.

s Die einzelnen Ansätze zu dieser Auffassung, die sich auch bei ihm finden, sind stets mit derselben Neutralisirung des Geschichtlichen verbunden, welche die Apologeten zeigen. Hier kann nicht näher auf diese Unterströmung bei ihm eingegangen werden. Wichtig aber ist es, sich die Hauptströmung klar zu machen, dass nämlich die Gebildeten die Zuversicht zu der Rationalität des katholischen Glaubens keineswegs besassen. Die Angriffe der Heiden und Manichäer hatten sie erschüttert. der katholischen Kirche in die Arme warf, that er das mit dem vollen Bewusstsein, er bedürfe ihrer Autorität, um nicht im Skepticismus oder Nihilismus zu versinkenZ. B. die Anstösse am AT. vermag nur die Autorität der Kirche zu beseitigen. Die tausend Zweifel, welche die Gotteslehre und namentlich die Christologie erregt, vermag nur die Kirche zu beschwichtigen. In ersterer Hinsicht hilft allerdings die allegorische Erklärung über die Anstösse hinweg; aber die allegorische Interpretation (gegenüber der buchstäblichen, welche Alles auflöst) legitimirt sich nicht selbst; die Kirche allein giebt ihr das Recht der Anwendung. Die Kirche tritt für die Wahrheit des Glaubens ein, wo das Individuum dieselbe nicht zu erkennen vermag: das ist der neue Gedanke, dessen offene Aussprache ebenso den Skepticismus des Denkers beweist wie die Wahrheitsliebe des Menschen. Er wollte sich selbst nichts vormachen; er wollte nicht zum Sophisten seines Glaubens werden. Offen hat er es proclamirt: ich glaube in vielen Stücken nur auf die Autorität der Kirche hin; ja ich glaube selbst dem Evangelium nur auf die Autorität der Kirche hin11. Damit hatte die Kirche eine ungeheure Bedeutung erlangt, die Bedeutung, welche ihr fortab im abendländischen Katholicismus bleiben sollte: auf sie, eine zunächst unfassbare Grösse — denn was und wo ist die Kirche? — wurde ein grosses Stück der Verant

Man spricht, theils mit Selbstgefälligkeit, theils mit Schmerz, von den „modernen" Zweifeln an dem kirchlichen Glauben. Allein diese Zweifel sind so wenig modern, dass vielmehr die Schöpfung der augustinisch-mittelalterlichen Kirchenautorität ihr "Werk ist. Dass das Kirchenthum so mächtig, ja eine dogmatische Grösse geworden ist, verdankt es im 2. und 3. Jahrhundert der mangelnden Sittlichkeit der Christen, im 4. und 5. dem mangelnden Glauben. Der Unterschied zwischen Justin und Augustin ist hier viel grösser als der Unterschied zwischen Augustin und einem Christen des 16. oder 19. Jahrhunderts.

1 S. die mittleren Bücher der Confessionen, z.B. VI, 11: „scripturae sanetae, «iuas ecclesiae catholicae commendat auetoritas." VI, 7: „libris tuis, quos tanta in omnibus fere gentibus auetoritate fundasti .... Non audiendos esse, si qui forte mihi dicerent: unde scis ülos libros unius veri et veracissimi dei spiritn esse humano generi mmistratos? idipsum enim maxime credendum erat." VI, 8: Ideoque cum essemus infirmi ad inveniendam liquida ratione veritatem, et ob hoc nobis opus esset auetoritate sanetarum litterarum, iam credere coeperam nullo modo te fuisse tribnturum tam excellentem illi scripturae per omnes iam terras auetoritatem, nisi et per ipsam tibi credi et per ipsam te quaeri voluisses. Jam enim absurditatem quae me in illis litteris solebat offendere, cum multa ex eis probabüiter exposita audissem, ad sacramentorum altitudinem referebam." S. auch die Schrift de utilit. credendi und überhaupt die Schriften gegen den Manichäismus.

* Contra ep. Manichaei 6: „ego vero evangelio non crederem, nisi me catholicae (ecclesiae) commoveret auetoritas." Unzählig viele Parallelstellen, namentlich in den antimanichäischen Schriften, aber auch sonst, sind vorhanden.

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