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nalistischen, und daher auch die moderne Erkenntnisstheorie und Psychologie angeregt, ja mit erzeugt; durch seinen Neuplatonismus und prädestinatianischen Enthusiasmus hat er die Mystik sowohl als die antiklerikale Opposition des Mittelalters hervorgerufen1; durch die Fassung seines Kirchen- und Seligkeitsideals hat er die vulgär-katholische Stimmung, die mönchische, Destärkt, sie aber in der Kirche heimisch gemacht und sie dadurch dazu erweckt und befähigt, die der Kirche gegenüberstehende Welt zu überwinden und zu beherrschen; durch die einzigartige Fähigkeit endlich, sich selbst darzustellen, den Reichthum seines Geistes auszusprechen und jedem Wort ein individuelles Gepräge zu geben, durch die Gabe der Individualisirung und Selbstbeobachtung hat er zum Emporkommen der Renaissance und des modernen Geistes mitgewirkt.

Das Alles sind nicht willkürliche Combinationen, sondern geschichtliche Thatsachen2: überall lassen sich die Verbindungsfäden, die zu ihm zurückführen, deutlich nachweisen. Wo aber ist dann ein Mann in der Geschichte des Abendlandes, der sich an Bedeutung und Einfluss mit ihm vergleichen liesse? Ohne viel zu handeln — Augustin war Bischof einer Mittelstadt und hat weder Neigung noch Talent zur Rolle eines kirchenpolitischen Führers oder eines praktischen Reformers besessen — hat er durch die Kraft seiner Ideen gewirkt und sein Leben über die folgenden Jahrhunderte ausgeschüttet.

Man ist versucht, die Bedeutung Augustin's als Lehrer der Kirche so zu schildern, dass man die verschiedenen Richtungen, in denen sich seine Denkweise bewegte, reinlich sondert und den Neuplatoniker, den Paukner, den früheren Manichäer, den katholischen Bischof für sich zur Darstellung bringt2. Allein es ist zu befürchten, dass man ihm durch solche Sonderung Gewalt anthut. Sicherer und im Rahmen einer Dogmengeschichte zweckmässiger ist es, an der äusseren Einheit festzuhalten, die er selbst seinen Gedanken gegeben hat. Da bietet sich sein Enchiridion ad Laurentium, die ausgereifte Erklärung

1 Auch die antigregorianische Partei im Mittelalter hat sich vielfach auf Augustin berufen. Man konnte bei ihm willkommene Sätze über die Bedeutung des Imperiums, über die Verbesserungstähigkeit von Concilien, überhaupt antihierarchische Stellen finden.

8 Vgl. Reuter, Studie VII.

s Drei verschiedene Niveau'' der theologischen Gedanken Augustin's sind unverkennbar, das neuplatonisch-mystische [ohne Gnadenmittel, ohne Kirche, ja in gewissem Sinn selbst ohne Christus], das christologisch-soteriologische und das Niveau der Autorität und der Sacramente der Kirche. Daneben sind rationalistische und manichäische Elemente zu berücksichtigen.

des Symbols, als bester Führer an. Diese Schrift soll am Schlusse dieses Capitels vorgeführt werden, nachdem die Vorfragen behandelt sind, die für Augustin von höchster Bedeutung waren, und nachdem die Kämpfe, in denen er ausgereift ist, ihre Beleuchtung erfahren haben. Wir werden auf diese Weise das deutlichste Bild davon erhalten, was Augustin der Kirche seiner Zeit geleistet und welche Umstimmung er hervorgerufen hat. Die augustinische Theologie zu centralisiren, ist eine sehr reizvolle Aufgabe, aber sicherer ist es, sich mit dem bescheidenen Ergebnisse zu begnügen, sie, soweit sie kirchlich wirksam geworden ist, kennen zu lernen. Eine Schwierigkeit, die gar nicht zu heben ist und sich in der Folgezeit immer mehr steigert, begegnet uns gleich im Anfang: welcher Bestand aus den zahllosen Ausführungen Augustin's ist ihm selbst Dogma gewesen und in der Folgezeit Dogma geworden? Augustin hat, indem er das Dogma ausserordentlich erweitert hat, doch zugleich den Begriff desselben theils erweicht, theils — in Bezug auf die alte Ueberlieferung — specifisch verhärtet. Die Frage nach dem Umfang der Dogmen ist in dem Abendland seit dem donatistischen und pelagianischeii Streit weder beantwortet, noch je scharf gestellt worden, d. h. man empfand keine Nöthigung, neben den ausdiücklichen Abweisungen der Pelagianer, Donatisten etc. auch ebenso ausdrückliche positive Sätze aufzustellen. Die Nöthigung empfand man aber nicht, weil man weder das Selbstbewusstsein noch den Muth zu kirchlichem Handeln in grossem Stile besass. Man fühlte sich durchaus als Epigone einer vergangenen Zeit, welche die angeblich ausreichende Ueberlieferung geschaffen hat. Dieses Gefühl, welches sich im Mittelalter noch gesteigert hat, haben die Päpste — lediglich sie — allmählich überwunden. Erst im Tridentinum, geringe Ausnahmen abgerechnet, sind wieder Dogmen geschaffen worden. Bis dahin sind nur die in den Symbolen enthaltenen Lehren Dogmen. Neben ihnen stehen die Ketzerkataloge, aus denen man indirect Dogmen folgern kann. Dieser Zustand der Dinge gebietet uns, die Lehren Augustin's möglichst vollständig darzustellen, soweit das im Rahmen eines Lehrbuchs gestattet ist. Manches muss hier aus den Werken Augustin's hervorgehoben werden, was in seiner eigenen Zeit unfruchtbar geblieben ist, aber in den folgenden Jahrhunderten den Gang der Lehrentwickelung kräftig bestimmt hat und in den Dogmen des Tridentinums zu Tage getreten ist1.

1 Dass für Augustin im Grunde nur der Inhalt des Symbols Dogma gewesen ist, erkennt auch Reuter S. 495 f. an. Man hat sich aber hier daran zu erinnern, dass man aus dem Symbol die ausgeführteste Trinitätslehre und Christologie ent

Wir werden im Folgenden so verfahren, dass wir 1) Augustin's Grundansicht, seine Lehren von den ersten und letzten Dingen, schildern 1; denn diese Lehren standen ihm fest, als er katholischer Christ wurde, 2) und 3) seine Kämpfe mit den Donatisten und Pelagianern darstellen, in denen sich seine Glaubensauffassung (Kirche und Gnade) vertieft und entfaltet hat, 4) seine kirchliche Glaubenslehre an der Hand des Enchiridions ad Laurentium ausführen.

1. Augustin's Lehren von den ersten und letzten Dingen s.

Man hat von F i e s o 1 e gesagt, er habe seine Bilder an die Wände gebetet. Man kann von Augustin behaupten, dass seine tiefsten Gedanken über die ersten und letzten Dinge sich aus den Gebeten entbunden haben; denn alle diese Dinge waren ihm beschlossen in Gott. Wenn dasselbe von unzähligen Mystikern bis zu den stillen Gemeinden der Madame de Guyon und Tersteegen's gesagt werden kann, so gilt es von ihnen, weil sie Schüler Augustin's waren. Aber er hat wie kein Anderer die Fähigkeit besessen, die Speculation über Gott mit einer Innenschau zu verbinden, die nicht an einigen überlieferten Kategorien ihr Genüge fand, sondern die Gemüthszustände und den Bewusstseinsinhalt analysirte. Jeder Fortschritt in dieser Analyse wurde ihm zugleich ein Fortschritt in der Gotteserkenntniss und umgekehrt; die concentrirte Sammlung im Gebet führte ihn zur reinsten Beobachtung und diese wurde ihm wiederum zum Gebet. Kein Philosoph vor ihm und nach ihm hat in so leuchtender Weise den tiefen Satz bewahrheitet, dass die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang ist. Die Sphäre seines

wickelte, und dass in den Worten desselben „sancta ecclesia" und „remissio pecoatorum" Themata lagen, aus denen man ebenfalls weitläufige Dogmen gestalten, resp. Ketzer überführen konnte. Schon Cyprian hat die Novatianer aus dem Symbol widerlegt, und Augustin hat es wider die Pelagianer ausgebeutet. — Eine besondere Schwierigkeit für die Behandlung Augustin's in der Dogmengeschichte besteht ferner noch darin, dass er unzählige theologische Schemata geschaffen hat, aber keine dogmatischen Formeln. Er war zu reich, zu ernst und zu wahrhaftig, um Stichworte auszugeben.

1 Augustin ist der erste Dogmatiker gewesen, der das Bedürfniss gefühlt hat , sich über die Fragen deutlich Rechenschaft zu geben, die wir heute in den „Prolegomena zur Dogmatik" zu behandeln pflegen. Allerdings haben auch die Alexandriner dies versucht; aber Formales undMateriales, Ursprüngliches und Abgeleitetes liegen bei ihnen viel mehr in einander. Auch dringen sie nicht bis zu den letzten psychologischen und erkenntnisstheoretischen Problemen vor. Enchir 4: „quid primum, quid ultimum teneatur, quae totius definitionis summa sit, quod certum propriumque fidei catholicae fundamentum." (Fragen des Laurentius).

8 Augustin hat gelehrt, dass man nur durch ernste unablässige Arbeit an sieb selber ein festes Verhältniss zu den höchsten Fragen gewinnen kann. Darin vor Allem besteht seine Grösse.

Denkens und Lebens war Gottseligkeit. „ Hominis sapientia pietas est" (Enchir. 2; de civ. dei XTV, 28). So ist Augustin das psychologische Genie der patristischen Periode, weil er das theologische Genie 1 gewesen ist. Nicht unbewandert in den Gebieten objectiver Welterkenntniss, hat er doch diese entschlossener bei Seite liegen lassen als seine neuplatonischen Lehrer, denen er viel verdankt, die er aber weit übertroffen hat. „Die Inhalte des inneren Lebens liegen als ein Bereich eigenartiger Erkenntnissobjecte ausser und neben der sinnlichen Erfahrung deutlich vor Augustin's Blicke, und er ist auf Grund reicher eigener Innensicht überzeugt, dass in diesem ebertsogut Wissen und Aufschlüsse auf Grund inneren Erlebens zu gewinnen sind, wie durch äussere Beobachtung in der umgebenden Natur." Augustin hat die Entwickelung der antiken Philosophie zu Ende geführt, indem er den Process, der aus dem naiv-Objectiven zu dem subjectiv-übjectiven führte, zum Abschluss gebracht hat2. Was längst gesucht wurde — das Innenleben zum Ausgangspunkt des Denkens über die Welt zu machen —, das hat er gefunden2. Und indem er sich dabei nicht leeren Träumereien hingab, sondern mit einer wahrhaft „physiologischen Psychologie" alle Zustände des Innenlebens von den elementaren Vorgängen an bis zu den sublimsten Stimmungen durchforschte, ist er, weil das Gegenbild des Aristoteles, so der wahre Aristoteles einer neuen Wissenschaft geworden *, die es freilich vergessen zu haben scheint, dass

* Vgl. zum Folgenden Siebeck, i. d. Ztschr. f. Philos. u. philos. Kritik 1888 8. 170 ff.

* S. meine Ausführungen über den Neuplatonismus Bd. I S. 719 ff.

* Bei den Neuplatonikern war die Methode noch sehr unsicher, und dies hängt u. A. mit ihrem Polytheismus zusammen. Es ist leicht zu zeigen, dass Augustin So viel weiter als sie in der Psychologie gekommen ist, weil er Monotheist war. Eine Untersuchung über die Bedeutung des Monotheismus für die Psychologie fehlt m. W. leider noch immer.

4 S. die vorzügliche Parallele zwischen beiden bei Sicbeck, a. a. O. S. 188f.: „Unter den bedeutenden Persönlichkeiten des Alterthums dürften kaum zwei so entgegengesetzte Charaktere zu finden sein, wie Aristoteles und Augustin. Dort der ruhig-klare und doch von energischer Wärme des Denkens bewegte Grieche, der das hellenische Lebensideal des Gebildeten, die Befriedigung in dem gleichmässig und stetig fortgehenden Denkerleben, auf seinen reinsten wissenschaftlichen Ausdruck bringt, die Tiefen und Bedürfnisse des Gemüthes nur so weit ins Auge fassend, als sie sich an der Oberfläche, in dem äusseren Wesen und Gehaben der Affecte kund geben, und dieses ganze Gebiet nicht eigentlich um derKenntniss des Herzens willen behandelnd, sondern nur zu den Zwecken der Rhetorik. Die seelische Innenwelt kommt hier überhaupt nur insoweit zur Darstellung und Würdigung, als sie sich bethätigt in der Wechselwirkung mit der äusseren, und so wie sie durch deren Mitwirkung bestimmt erscheint. Denn das umfassende und abschliessende Problem bei Aristoteles ist die wissenschaftliche Erfassung und Gestaltung sie als Erkenntnisstheorie und innere Beobachtung aus dem monotheistischen Glauben und dem Gebetsleben entsprungen ist. Alles das,

der äusseren Welt in Natur und Gemeinschaftsleben. Ganz entgegengesetzter Richtung und Stimmung ist Augustin. Das Aeussere hat fur ihn nur Bedeutung und Werth in der Art, wie es im Reflex des Inneren erscheint. Die Probleme nicht der Natur und des Staates und der weltlichen Ethik, sondern die der innersten Geistesund Herzensbedürfnisse, der Liebe und des Glaubens, der Hoffnung und des Gewissens regieren Alles. Nicht das Verhältniss des Inneren zum Aeusseren, sondern das des Inneren zum Innersten, zum Fühlen und Schauen Gottes imHerzen, sind die eigentlichen Objecte und die treibendenKräfte seiner Speculation. Auch die Kräfte des Verstandes werden einer neuen Betrachtung unterworfen in Ansehung des Einflusses, dem sie von Seiten des Gemüthes und des Willens unterliegen, und verlieren in Folge dessen ihren Anspruch auf Alleinherrschaft im wissenschaftlichen Denken. Die kühle Analysirung des Aeusseren bei Aristoteles, welche auch die Seelenzustände nach Art eines äusserlich vorliegenden Objectes zerlegt und unterscheidet, verschwindet bei Augustin vor dem unmittelbaren Erleben und Empfinden von Zuständen und Vorgängen des Herzenslebens, die aber darum, weil er sie mit wärmstem persönlichem Antheile darstellt, hinsichtlich der Schärfe der analytischen Zergliederung das aristotelische Talent keineswegs vermissen lassen. Während Aristoteles alles persönlich individuell Gefärbte in seinen Ansichten vermeidet und überall die Sache selbst reden zu lassen bemüht ist, spricht AugustiD, auch wo er Untersuchungen von allgemeinster Bedeutung vorführt, immer wie lediglich von sich, dem Individuum, dem seine persönlichen Empfindungen und Gefühle die Hauptsache sind; zum Voraus bereits ist er dessen sicher, dass sie einen weiter tragenden Inhalt haben müssen, da Gefühl und Wollen sich als gleichartige Potenzen in jedem menschlichen Herzen finden. Fragen der Ethik, welche Aristoteles aus dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch behandelt, erscheinen bei Augustin in dem Lichte der Beziehungen zwischen dem eigenen Herzen und dem von diesem gewussten und gefühlten Gott. Den obersten Entscheid giebt bei jenem die klare Erkenntniss des Aeusseren durch die Vernunft, bei diesem die Unwiderstehlichkeit des Inneren, der Gefühlsüberzeugung, die sich hier—was in dieser Vollkommenheit Wenigengegeben ist — mit dem durchdringenden Lichte des Verstandes verschmolzen hat. . . Die Bedürfnisse des inneren Lebens kennt Aristoteles nur insofern und insoweit, als sie das von kräftigem Streben und philosophischem Gleichmuthe getragene Leben in und mit der Gemeinschaft zu entwickeln im Stande sind. Es ist bei ihm, als ob es vor klarem Denken und ruhig kräftigem Wirken kein Leiden und Unglück für die Gemeinschaft oder für den Einzelnen geben könnte. Die tieferen Quellen der Unbefriedigung, des Seelenleidens, der unerfüllten Gemüthsbedürfnisse bleiben bei seiner Forschung im Dunkeln. Augustin's Bedeutung aber beginnt eben da, wo es gilt, die Unruhe des gläubigen oder des suchenden Gemüths auf ihre Wurzeln zurückzuführen und der inneren Thatsachen gewiss zu werden, in denen das Herz zur Ruhe kommen kann. Auch die alten Probleme, die er auf Grund seiner reichen wissenschaftlichen Bildung im ganzen Umfang und Inhalt übersieht und durchschaut, erscheinen ihm von da aus in neuer Beleuchtung. Darum weiss er Alles, was aus dem Hellenismus zu ihm herübergekommen ist, zu erfassen und zugleich zu vertiefen. Für Aristoteles ist Problem alles dasjenige, was in der Aussen- und Innenwelt der Verstand sieht und analysiren kann; für Augustin in erster Linie das, was das Gemüths- und Willensleben ihm zu dem bisher Erkannten als neue Thatsache auf

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