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Inhalt.

Seite

1

Einleitung

Erstes Kapitel. Christentum und Germanentum .

26

Zweites Kapitel.
Das christlich- theologische und das heidnisch-sympathetische Natur-

gefühl der ersten 10 Jahrhunderte

37

Drittes Kapitel.
Das naive Naturgefühl im Zeitalter der Kreuzzüge

86

Viertes Kapitel.
Der Individualismus und das sentimentale Naturgefühl in der Re-

naissance

125

Fünftes Kapitel.
Die Naturbegeisterung der Entdeckungsreisenden und katholische Natur-

mystik

176

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Siebentes Kapitel.
Die Entdeckung der landschaftlichen Schönheit in der Malerei .

233

Achtes Kapitel. Humanismus, Rococo und Zopf.

249

Neuntes Kapitel. Symptome der Rückkehr zur Natur

275 Seite

Zehntes Kapitel.
Empfindsamkeit und Überschwenglichkeit eines elegisch - idyllischen

Naturgefühls

295

.

1. Goethe, Byron, Shelley

2. Lamartine nnd Victor Hugo

3. Die deutschen Romantiker

Schluß .

358

423

431

450

Register

. 457

Einleitung.

ie Natur mit ihren ewig beständigen und doch ewig

wechselnden Erscheinungsformen ist für den Menschen unentrinnbar. Sein ganzes Dasein hängt von ihr ab; nicht bloß seine physische, . sondern auch seine geistige Eigenart wird in mannigfachster Weise durch sie bedingt und beeinflusst. Der Charakter des Landes spiegelt sich im Charakter des Volkes wieder; die gesamte Weltanschauung des Nordländers ist infolge der klimatischen Einflüsse eine andere als die des Südländers. Aber während der schlichte Naturmensch, der mit Bangen das Tageslicht erlöschen und das Dunkel. der Nacht hereinbrechen sieht, die Natur mehr fürchtet als liebt oder ihre Erscheinungen in ehrfurchtsvoller Scheu anbetet, sucht der Kulturmensch den Schleier, der die geheimnisvollen Formen deckt, zu lüften und auf dem Wege der wissenschaftlichen Erkenntnis und des ästhetischen Genießens das innere Wesen und die äußere Schönheit der Natur zu begreifen und zu enträtseln. Der Forscher spürt ihren ewigen Gesetzen nach, um zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält; der Fromme, Gottbegeisterte sieht in allem nur ein Spiegelbild der Allmacht und Güte des transcendenten Schöpfers oder versenkt sich mit pantheistischer Innigkeit in das Leben und Weben des Alls, von dem er sich selbst nur als einen Teil weiß und fühlt; der Künstler sucht in Wort und Bild den Eindruck, den seine Seele empfangen, wiederzugeben oder schafft in Garten und Park ein mehr oder weniger von den Gesetzen der Kunst beeinflußtes Abbreviaturbild der landschaftlichen Natur.

BIESE, Naturgef. im Mittelalter etc.

1

Der Freude an der Natur kann und konnte wohl zu allen Zeiten kein wohlgeartetes Gemüt sich entziehen; aber die Wirkung zu begreifen und anderen begreiflich zu machen, ist nicht allen gegeben und setzt immer eine nicht geringe Höhe der Geistes- und Herzensbildung voraus. Wohl liegt die Natur wie ein offenes Buch vor unseren staunenden Augen, aber so mannigfache Völker und Geschlechter über die Erde gewallt sind, so mannigfache Deutungen und Auslegungen hat die mit unvergänglichen Strichen hingezeichnete erfahren. Es ist mit dem Naturschönen wie mit dem Kunstschönen. Wohl jeder empfindende Mensch wird von einem von Wohllaut erfüllten Musikstück, von einem farbenprächtigen Gemälde oder einer herrlichen Statue gefesselt werden, aber erst der Kenner wird vermittelst seines sachkundigen Verständnisses in den Kern eindringen und dem Künstler sein Geheimnis ablauschen.

Die Natur ist nun aber die größte Künstlerin, und je mehr wir bewundernd oder begreifend ihre Werke betrachten, je tiefer wir in ihre Erscheinungen wissenschaftlich oder ästhetisch eindringen, um so mehr weiß sie uns mitzuteilen und - wir von ihr, um so mehr wächst unser Entzücken, unser Genuß.

Doch was leiht der toten Natur Worte? Was bildet das ästhetische Bindeglied zwischen ihr und uns? Es ist in erster Linie jenes wunderbare Vermögen des Menschen, dem er nimmer entraten kann, sein leibliches und geistiges Ich dem Objekt anzupassen und einzufühlen. „Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist“, sagt GOETHE einmal in seinen Sprüchen. Und in der That vermag der Mensch bei Betrachtung des Höchsten wie des Geringsten niemals die Grenzen seiner Menschlichkeit zu überschreiten; will er ein konkretes Wesen, und wenn es auch das höchste ist, sich vorstellen oder begreifen, nie kann er völlig von sich selber abstrahieren; für den Menschen ist immer wieder nur der Mensch das Maß aller Dinge; im eigentlichen Sinne versteht der Mensch aus dem Grunde nur sich selbst. Alles andere wird ihm erst verständlich, deutbar und erklärlich, indem er sich selbst, sei es nun anthropopathisch in seiner Geistigkeit oder anthropomorphisch in seiner Leiblichkeit, dem anderen außer ihm anpaßt oder einfühlt, sein eigenes Wesen dem anderen leiht, um so sich selbst nur immer in dem anderen wiederzufinden. Diese Fähigkeit oder vielmehr diese immanente Nötigung, immer wieder nur sich selbst in die Außenwelt hineinzulegen, um sie völlig zu ergründen - die also nicht bloß eine Kraft, sondern zugleich eine Schranke menschlichen Wesens bezeichnet, dieser Prozeß des Anpassens und Einfühlens erstreckt sich auf Personen wie auf leblose Dinge. Wie tiefen Sinn hat unser Wort Mitleid! Wenn wir den Schmerz des Freundes nachempfinden, so versetzen wir uns in ihn, denken uns ganz in seine Lage und Stimmung hinein, d. h. wir leiden mit ihm. Mitleid und Furcht bedingen die Wirkung der Tragödie, jene heruht also wesentlich auf solcher Supponierung des eigenen Ichs in ein anderes. Aber auch jedes Verständnis des Schönen überhaupt setzt solche Übertragung voraus, die, wenn Verwandtes zu Verwandtem harmonisch sich findet, zum ästhetischen Genuß führt.

Das bekannte Wort der griechischen Philosophie õuolov ouoio yıyvo OXETAI „Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt bedeutete bei den Pythagoräern, daß der mathematisch gebildete Verstand das Organ der Erkenntnis des mathematisch geordneten Kosmos sei. Aber es läßt sich auch zu einem Fundamentalsatz der Ästhetik machen. Der Reiz auch des kleinsten lyrischen Liedes basiert auf der Übertragung des eigenen Ichs in die vom Dichter gezeichnete Situation oder Stimmung, auf diesem Widerspiel von Subjekt und Objekt, auf dem geheimnisvollen Rapport zwischen dem Anschauenden und dem Angeschauten. Es beruht eben alles im Leben des Geistes auf Apperzeption. Nur das reizt zum Schauen, zum Nachdenken, zum Nachempfinden, was eine verwandte Saite in unserem Innern in Schwingung versetzt. „Du gleichst dem Geist, den du begreifst!“ An einem Kunstwerk, mag es nun ein musikalisches, plastisches, poetisches oder malerisches sein, haben wir nur dann echtes, rechtes, von

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