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wünsche.“ Er rühmt das Landleben: „Wunderseliger Mann, welcher der Stadt entfloh! Jedes Säuseln des Baums, Jedes Geräusch des Bachs, Jeder blinkende Kiesel Predigt Tugend und Weisheit ihm. Wir sehen, auch das Moralisieren liegt immer noch in der Luft. — Er versenkt sich gern in den Anblick der Natur; er feiert sie im ,,Mailied“ und in seinen ,,Frühlingsliedern": „Die Luft ist blau, das Thal ist grün, Die kleinen Maienglocken blühn Und Schlüsselblumen drunter .. Drum komme, wem der Mai gefällt, Und freue sich der schönen Welt Und Gottes Vatergüte.“ Wie hier das Religiöse hineinspielt, so weiß er auch Liebe und Natur zu verschmelzen, wie in der wehmütigen Aufforderung an das Veilchen: „Birg, o Veilchen, in deinem blauen Kelche, birg die Thränen der Wehmut, bis Rosaura diese Quelle besucht! Entpflückt das Mädchen dich dem Rasen, die Brust mit dir zu schmücken, o dann schmiege dich an ihr Herz und sag ihr, daß die Tropfen in deinem blauen Kelche aus der Seele des treusten Jünglings flossen, der sein Leben verweinet und den Tod wünscht.“

Hoelty ist der sentimentalste dieser Gruppe; von heiterer und festerer Gemütsart ist der biedere Joh. HEINRICH Voss. Seine Stärke liegt nicht in den lyrischen Gedichten, die viel Getändel enthalten, sondern in seinen größeren Dichtungen. Wie er in seinem „70. Geburtstag“ mit gemütvollster Detailschilderung einen Tag aus dem friedlichen norddeutschen Pfarrleben gezeichnet hat, so enthüllt er uns letzteres breiter und ausführlich in seiner trefflichen „Luise"; und da die guten Menschen, die in derselben uns vorgeführt werden, für alles Schöne und Edle empfänglichen, frommdankbaren Sinn haben, so empfinden sie natürlich auch den stillen Reiz der Dorf- und Waldlandschaft. Als sie „das Linsenfeld und die bärtige Gerste durchwandelnd Jetzo dem Hügel am See sich uäherten, welcher mit dunkeln Tannen und hangendem Grün weißstämmiger Birken gekränzt war, Blickt zum buschigen Ufer Luis' .. und dann lagern sie sich im Schatten der alten Familienbuche: „Hier ist polsterndes Moos, hier sanft anatmende Kühlung, Hier im Geräusche der Well' und des Schilfrohrs labt uns die Aussicht Über den See nach dem Dorf und den Krümmungen fruchtbarer Ufer ..

Auch bei den Brüdern STOLBERG finden sich diese idyllischen Motive, dieser Zug zur friedlichen Stille, mit oft recht individuellem Ausdruck; so in der ,,Elegie an Haugwitz" von CHRISTIAN: „Süßer duftet die Flur, und kühler hauchet der Abend; Nur ein welkendes Rot weilt am azurnen West.

Stille tauet herab“; er wünscht die Zeit zurück, da sie beide wanderten', „mit Frühlingsruhe gesegnet, Arm geschlungen in Arm, blühende Thäler hinab; Lagerten jetzo uns hin am moosigen Ufer des Baches, Und dem süßen Geschwätz horchte vertraulich der Mond. O wie schmolz uns dann das Herz in sanfter Empfindung!“ FRIEDRICH ist der begeistertste Naturprophet, so in der Ode „Die Natur“:

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Er sei mein Freund nicht, welcher die göttliche Natur nicht liebet!
Engelgefühle sind ihm nicht bekannt ..
Nur reinen Herzen duftet der Abendtau Der bunten Lenzflur:
Heilig nur ihnen sind Der Eiche Schatten!
Deine Segen, Einsamkeit, können nur sie ertragen!

Als Motto der Zeit könnte sein Gebet dienen:

Süße, heilige Natur, Laß mich gehn auf deiner Spur!
Leite mich an deiner Hand Wie ein Kind am Gängelband!
Wenn ich dann ermüdet bin, Sink' ich dir am Busen hin,
Atme süße Himmelslust, Hangend an der Mutterbrust!
Ach wie wohl ist mir bei dir! Will dich lieben für und für!
Laß mich gehn auf deiner Spur, Süße heilige Natur!

Auch er besingt den Mond, besingt die idyllische „Weende bei Göttingen“: „Deinem leisen Lispeln entschlüpfen süße Freuden der Seele" – doch es ist, als ob der begeisternde Schwung Klopstock'scher Odendichtung ihn weiter getragen und auch seiner Naturanschauung höheren und energischeren Flug gegeben habe, als bei den meisten seiner Zeitgenossen der Fall ist. Er zieht auch das Wilde und Großartige der Natur in den Bereich seiner Betrachtung und Dichtung, und zwar mit kräftigen begeisterten Worten, während Meer und Gebirge bis dahin kaum eine Rolle in der deutschen Poesie gespielt hatten. Er wendet sich an das Meer:

Du heiliges und weites Meer, Wie ist dein Anblick mir so hehr!
Sei mir im frühen Strahl gegrüßt, Der zitternd deine Lippen küßt.
Wohl mir, daß ich, mit dir vertraut, Viel tausendmal dich angeschaut!
Es kehrte jedesmal mein Blick Mit innigem Gefühl zurück.

Der „Felsenstrom“ wird in seiner Erhabenheit prächtig geschildert und zum Sinnbild des Menschlichen, des unwiderstehlichen Freiheitsdranges:

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Unsterblicher Jüngling! Du strömest hervor Aus der Felsenkluft.
Kein Sterblicher sah die Wiege des Starken . .
Wie bist du so schön In silbernen Locken!
Wie bist du so furchtbar Im Donner der hallenden Felsen umher!
Dir zittert die Tanne, Du stürzest die Tanne
Mit Wurzel und Haupt! Dich fliehen die Felsen!
Du hassest die Felsen Und wälzest sie spottend wie Kiesel dahin!
Dich kleidet die Sonne In Strahlen des Ruhms! .
Jüngling, du bist noch stark wie ein Gott! Frei wie ein Gott!

.

Er preist sein Harzgebirge:

Herzlich sei mir gegrüßt, wertes Cheruskerland! . .
Dir gab Mutter Natur aus der vergeudenden Urne männlichen Schmuck,
Einfalt und Würde dir!
Wolkenhöhnende Gipfel, Donnerhallende Ströme dir! ..
Wie der schirmende Forst deinem erhabnen Nacken schattet ..
Heil Cheruskia dir! Furchtbar und ewig steht
Gleich dem Brocken, dein Ruhm!

Hier klingen schon Töne an, die an GOETHE erinnern; er fügt zu dem Pathos Klopstock’scher Sprache auch den Sinn für das Erhabene und Großartige in der Natur, wie es in dieser idyllischsentimentalen Epoche des deutschen Naturgefühls fast einzig dasteht obgleich schon weit früher ein Schweizer die Schönheit des Romantischen in der Gebirgswelt entdeckt hatte. Es war JEAN JACQUES ROUSSEAU, der nicht minder wie Klopstock ein typischer Vertreter dieser Zeit genannt werden kann, wenngleich seine schriftstellerische Thätigkeit wie eine Bombe in jene Periode der idyllisch-elegischen Schäferpoesie hineinfiel.

Biese, Naturgef. im Mittelalter etc.

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Elftes Kapitel.

Das Erwachen des Gefühls für das Romantische.

R

OUSSEAU gehört zu den nicht sehr zahlreichen Männern

der Litteraturgeschichte, die, von revolutionärer Ursprünglichkeit, in Stimmung und Bildung ihrer Zeit eine völlige Wandlung hervorrufen. Bei solchen Geistern aber, die sich bewußt sind, mit sich selbst so zu sagen die Weltgeschichte von neuem zu beginnen, die voraussetzungslos von allem Vorhandenen abstrahieren und daher gegen die herrschende Geschmacks- und Geistesrichtung sich empören und ihre Konsequenzen allein aus ihrem eigensten Wesen ziehen, ist es auch natürlich, wenn sie in eitler Überhebung sich immer bespiegelnd, sich selbst zum Maße aller Dinge machend, ihre Subjektivität auf die Spitze treiben mit einer krankhaften Sophistik der Leidenschaft und mit der Überzeugungsglut eines Propheten. Eine solche Innerlichkeit und Gefühlsseligkeit, im Bunde mit einem alles Bestehende umstürzenden Eigenwillen, ohne das Korrektiv des Allgemein-Menschlichen, ohne die strenge sittliche Zucht des Maßhaltens, vielmehr in krasse Überschwenglichkeit ausartend, tritt zum ersten Mal hervor in der Gestalt Rousseau's. Hellenismus, Kaiserzeit und Renaissance sind nur Vorstufen; was Petrarca im Ansatz bot, das wird bei Rousseau Erfüllung; die „acedia“ erreicht ihren Höhepunkt; er grübelt und belauscht sich beständig; an seinen inneren Vorgängen ist ihm alles Phänomen und so von unschätzbarem Werte; er fühlt stets den Zwiespalt in sich selbst, schwankt stets zwischen dem Ideale, den Pflichten der Allgemeinheit und dem Selbstwillen eines

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eigensüchtigen, sinnlich-begehrlichen Ichs. So unliebenswürdig und bedenklich sein Charakter ist, so versöhnend wirkt der schwärmerische, leidenschaftliche Sinn für die Natur; mag sonst manches an ihm nicht echt und wahr erscheinen, seine Liebe zur Natur trägt durchaus den Stempel ureigensten Besitzes, sie ist die liebenswürdigste Erscheinung seiner Individualität und jenes „Idealismus des Herzens“, dessen Hoheitsrechte er in einer verkünstelten und verzopften Zeit proklamiert. Mit vollem Recht sagt HETTNER, es seien , nicht leere Worte", wenn er in seinem dritten Brief an Malesherbes schreibt: „Von welchen Zeiten glaubt ihr, daß ich mir sie am liebsten in die Erinnerung zurückrufe? Es ist nicht die Lust meiner Jugend, sie war zu selten, zu sehr mit Bitterkeit verbunden, sie ist schon zu fern von mir; es ist die Wonne meiner Zurückgezogenheit, es sind meine einsamen Spaziergänge, es sind jene schnell vorübereilenden, aber kostbaren Tage, welche ich ganz allein zubrachte, einsam mit mir, mit meiner guten schlichten Therese, mit meinem geliebten Hunde, meiner alten Katze, mit den Tieren des Waldes, mit der Natur und deren unfaßbarem Schöpfer. Wenn ich vor Sonnenaufgang aufstand, das Erwachen des Tages zu sehen, da war es mein erster Wunsch, daß nicht Briefe, nicht Besuche mir den süßen Reiz stören möchten. Ich eilte schnell in den Wald hinein. Wie jauchzte ich auf! Ich suchte mir irgend einen wilden Ort, wo nichts mir die Hand der Menschen zeigte, wo kein Dritter trennend zwischen mich und die Natur trat. Das Gold des Ginster, der Purpur der Sonnenstrahlen erfüllte mein Herz und Auge mit gerührtem Entzücken; die Majestät der Bäume, die mich mit ihren Schatten bedeckten, die Zartheit der Sträucher, welche mich umgaben, die überraschende Mannigfaltigkeit der Kräuter und Blumen, welche sich unter meinen Schritten beugten, hielten meinen Geist in unausgesetzter Spannung und Bewunderung.“ Mit der Rückkehr zur Natur ist es ihm heiliger Ernst; und das

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