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Schwäbisch-Gmund nach Ellwangen (8 Poststunden); zuvor hatte er in der Johanniskirche eine Messe lesen lassen „für glückliche Erledigung vorhabender Reise"; er bediente sich (mit Frau und Magd) eines zweispännigen sogen. „Planwägelchens“; noch bevor er am Montag eine Wegstunde zurückgelegt hatte, blieb das Fuhrwerk im Kote stecken, so daß die ganze Gesellschaft aussteigen und „bis übers Knie im Dreck platschend“ den Wagen vorwärts schieben mußte. Mitten im Dorfe Boebingen fuhr der Knecht „mit dem linken Vorderrad unversehendlich in ein Mistloch, daß das Wägelchen überkippte und die Frau Eheliebste sich Nase und Backen an den Planreifen jämmerlich zerschund“. Von Moeggelingen aus bis Aalen mußte man drei Pferde Vorspann nehmen, und dennoch brauchte man sechs volle Stunden und übernachtete. Am andern Morgen brachen die Reisenden in aller Frühe auf und langten gegen Mittag glücklich bei dem Dorfe Hofen an. Hier aber hatte die Reise einstweilen ein Ende, denn hundert Schritte vor dem Dorfe fiel der Wagen um und in eine Pfütze, so daß „alle garstig beschmutzet wurden, die Magd die rechte Achsel auseinander brach und der Knecht die Hand sich zerstauchte“. Zugleich zeigte sich, daß eine Radachse gebrochen und daß das eine Pferd am linken Vorderfuße „vollständiglich gelähmet worden“. Man mußte also zum zweiten Male übernachten, in Hofen Pferde und Wagen, Knecht und Magd zurücklassen und einen Leiterwagen mieten, auf welchem die Reisenden endlich „ganz erbärmlich zusammengeschüttelt“ am Mittwoch „ums Vesperläuten vor dem Thore von Ellwangen anlangten.

Als Lessing's Braut, Eva König, im Februar 1772 von Braunschweig nach Nürnberg reiste, schrieb sie aus dem Dorfe Rattelsdorf (2 M. nordwärts von Bamberg) am 28. Febr. an Lessing: „Von einem Dorfe, das sich Rattelsdorf nennt, haben Sie wohl in Ihrem Leben nichts gehört? Auf dem sitzen wir nun beinahe 24 St., und wer weiß, ob wir nicht noch 4 mal 24 St. hier aus. halten müssen. Es kommt auf den Main an, ob der fallen will; so, wie er jetzt ist, ist er nicht zu passieren, wenn man es auch

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wagen wollte. So viele Hindernisse, wie wir auf dieser Reise angetroffen, mit solchen Beschwerden und Gefahren verknüpft, habe ich in meinem Leben nicht ausgehalten. Es lassen sich wenig Unfälle mehr denken, die uns nicht schon alle begegnet sind.“ Und nun berichtet sie, wie sie in 36 Stunden zwei Achsen und zwei Stangen brachen, wie die Pferde mit ihnen durchgingen, wie ein Pferd stürzte und starb u. s. f.; am 2. März saß sie noch fest in dem elenden Dorfe. Noch um 1750 rechnete man eine Tagereise gewöhnlich zu 5 Meilen, 2 Stunden auf die Meile; „und als im Juli 1750 Klopstock mit Gleim in leichten Wagen, durch vier Pferde gezogen, von Halberstadt nach Magdeburg sechs Meilen in sechs Stunden fuhr, fand er diese Schnelligkeit so außerordentlich, daß er sie mit dem Wettlaufe bei den olympischen Spielen verglich. Wer irgend Ansprüche machte, scheuete eine Fußreise,

die schlechten Straßen, die Unsicherheit, die unsauberen Herbergen und die rohe Behandlung; noch waren wohlgekleidete Fußreisende, welche die Landschaft bewunderten, ganz unerhört“ (GUSTAV FREYTAG).

Erst nach Ausbreitung des Chausseebaus, nach Erfindung der Dampfschiffe (1827 lief das erste auf der Weser) und Eisenbahnen (seit 1835) wurde das Reisen immer häufiger und beliebter und erweiterte und vertiefte den Natursinn. Und nachdem die Alpen diesem erschlossen waren, wurde das Interesse auch für die heimischen Gebirge ein immer lebendigeres. Für den Harz brach E. A. W. ZIMMERMANN die Bahn, der im Jahre 1775 „Beobachtungen auf einer Harzreise“, und GATTERER, welcher schon 1785 in fünf Bänden eine „Anleitung, den Harz zu bereisen“ veröffentlichte; 1777 erschienen J. T. VOLKMAR's „Reisen nach dem Riesengebirge", 1806 NICOLAI's „Wegweiser durch die sächsische Schweiz". Und nicht lange dauerte es, so entdeckte jedes Ländchen oder Provinzchen eine „Schweiz“ in seinen Grenzen, mochte auch die märkische oder weimarische oder fränkische oder mecklenburgische Schweiz sich zu den Alpen verhalten, „wie ein niedliches kleines Mädchen zu einem kolossalen Riesen".

Auch in den heimischen Landen entdeckte man den Reiz des Romantischen.

So wurde auch die damals noch schwedische Insel Rügen mit ihren blauen Buchten und Bodden, mit ihren herrlichen Buchenwäldern und stattlichen Kreidefelsen, deren blendendes Weiß mit dem Grün des Laubes und dem Blau des Meeres einen höchst malerischen Farbenkontrast bildet, immer mehr das Ziel naturbegeisterter Reisender, besonders nachdem der Weg von Sagard nach dem romantisch-schönen Stubbenkamer bequemer hergerichtet war.1 So klagt GRÜMBKE schon 1805, daß nicht alle des Naturgenusses wegen, sondern viele, um zu schmausen, dorthin zogen: „Du weißt, ich bin kein Freudenfeind und fühle so gut wie einer den erquickenden Genuß von Speise und Trank nach einer ermüdenden körperlichen Anstrengung; allein ihn hier zur Hauptsache machen zu wollen, das entweihet diesen Ort, welcher geeignet ist, einem andern Gotte zu huldigen als dem Bauche. In dieser schauerlich schönen Wildnis, unter diesen grünen Buchenhallen, auf der Zinne dieses blendenden Riesentempels, vor diesem ungeheuren Lasurspiegel des Meeres sollten nur ernste und hohe Gedanken in der Brust des Naturfreundes aufkeimen; die ganze Situation, die den Stempel der Würde, der Hoheit und des Geheimnisvollen trägt, scheint vorzüglich dazu

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1 Schon 1597 ließ Paul LEMNIUS, ein zu Rostock studierender Rügianer, Laudes Rugiae drucken; KOSEGARTEN, 1777—1779 Hauslehrer in Bergen, 1792–1808 Prediger in Altenkirchen, pries mit Ossianischem Schwung die Schönheit der meerumgürteten Insel; 1799 erschien RELLSTAB's „Ausflucht nach der Insel Rügen“, 1800 Navest's „Wanderungen durch die Insel Rügen“, 1805 Dr. GRÜMBKE's „Indigena, Streifzüge durch das Rügenland“; schon 1762 machte der Landschaftsmaler J. P. HACKERT aus Prenzlau daselbst Studien, 30 Jahre später der Greifswalder K. D. FRIEDRICHS; und mit Recht sagt GRÜMBKE: „Der Künstler, der die Luftperspektive recht studieren und die Abstufungen des Kolorits der Mittelgründe, die sanfte Verschmelzung der Tinten ineinander und den magischen Duft, worin die Ferne schwimmt, der Natur selbst absehen will, der besteige Rügen's schwellende Hügel.“ 1816 wurde nach dem Vorgange von Doberan 1793 das erste rügensche Seebad (Putbus-Lauterbach) eröffnet, sodann folgten Binz, Crampas, Saßnitz. Vergl. E. Boll a. a. 0. und Globus XII, S. 308 und E. Boll, Die Insel Rügen, Reiseerinnerungen, Schwerin 1858.

geeignet zu sein, daß das Gemüt sich sammle, seine innersten Tiefen belausche und eindringe in das verborgene Leben der unendlichen Welt, wozu dann Einsamkeit und Ruhe notwendige Bedingungen sind, und daher müßte man Stubbenkamer entweder allein oder höchstens in Gemeinschaft vertrauter, gleichgestimmter Freunde besuchen.“ — Wir sehen, auch im hohen Norden ist der Sinn für das schauerlich Schöne in der Natur, für das Romantische in seiner geheimnisvollen Hoheit und Würde erwacht. –

Zwölftes Kapitel.

Das universell-moderne, wesentlich pantheistische

Naturgefühl.

1. Goethe, Byron, Shelley.

Las achtzehnte Jahrhundert ist, trotzdem es den stolzen

10. Namen des Zeitalters des kriegsgewaltigen Friedrich und der Maria Theresia, des Zeitalters Kant's und Lessing's, Rousseau's und Voltaire's, des Zeitalters der Aufklärung, ja der Revolution trägt, das empfindsamste und rührseligste in seiner ganzen Geschmacksrichtung und Empfindungsweise, das je in den Strom der Geschichte hinabgesunken ist. Auch das Naturgefühl zeigte diesen Stempel elegischer Sentimentalität, wenngleich echte Töne des innigsten Naturenthusiasmus nicht bloß von Klopstock, sondern auch von manchem der Anakreontiker und Göttinger angeschlagen werden. Aber der Kreis ihrer Betrachtung blieb ein verhältnismäßig enger; Mondschein und Sternennacht, idyllisches Schäferleben, Frühlingsfreude und Winterlust auf dem Eise werden immer wieder gepriesen; Fritz Stolberg besang auch das Meer und sein heimisches Gebirge. Erst in Rousseau jedoch erstand der Prophet für die Romantik der großartigen Alpen

Aber auch er blieb trotz seiner herzlichen und tiefen Naturliebe, dieses liebenswürdigsten Zuges in seinem Charakter, allezeit ein Sohn seiner sentimentalen, sich selbst bespiegelnden und vergötternden Zeit; ja, sein Naturgefühl selbst verleugnet nicht den Untergrund einer krankhaften Gemütsstimmung, mag man sie Weltschmerz, Weltflucht, Misanthropie oder Melancholie

scenen.

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