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Nachdem ich es vor einigen Jahren unternommen hatte, die Entwickelung des Naturgefühls bei den Griechen und Römern darzulegen, reifte erst allmählich auf Grund freundlicher Ermunterung meiner Rezensenten in mir der Entschluß, die Darstellung bis auf die neueste Zeit hinzuführen. So lockend die Aufgabe war, so verhehlte ich mir die großen Schwierigkeiten einer ebenso weitwie tiefgreifenden Untersuchung durchaus nicht, vor welcher schon mancher Gelehrte zurückschreckte, nachdem ALEXANDER V. HUMBOLDT in so geistreichen, knappen Strichen „das Naturgefühl nach Verschiedenheit der Zeiten und Volksstämme skizziert hatte. Seitdem ich aber einmal der Frage näher getreten war, ließ sie mich nicht wieder los, um so weniger, als sonst über dieselbe – più attrainti che vere gehandelt worden ist, wie mein italienischer Rezensent sich ausdrückte. Nur unter dem Gesichtspunkte historischer Entwickelung, nicht apriorischer Synthese schien mir ihre Lösung möglich. Bei der schier unerschöpflichen Fülle des Stoffes aber, welcher, je näher der Gegenwart, desto mehr anschwoll, mußte ich mich oft auf typische Vertreter der Zeitepochen beschränken, bestrebte mich aber immer, den Faden der AllgemeinEntwickelung nicht zu verlieren. Suchte ich auch die Landschaftsmalerei und Landschaftsgärtnerei in ihren wichtigsten Phasen zur Vervollständigung des kulturhistorischen Bildes hinzuzuziehen, so blieb mir doch die Litteratur und besonders die Poesie, als die intimste Trägerin der Empfindungen eines Volkes, in erster Linie die Quelle einer Untersuchung, welche ein Beitrag nicht nur zur Geschichte des Geschmacks, sondern auch der vergleichenden

? So sagt KOBERSTEIN in seinen Vermischten Aufsätzen zur Litteraturgeschichte und Ästhetik, wo er „das gemütliche Naturgefühl der Deutschen, speziell im Liebeslied und bei Goethe“ kurz skizziert: „Dieses abzuleiten, könnte mir nur einfallen, wenn ich in mehr als thörichter Überschätzung meiner Kräfte und Mittel dazu befangen wäre.“

Litteraturgeschichte sein wollte. Auch möchte in einer Zeit, wo die Naturwissenschaften in so hoher Blüte stehen und der Naturkultus nach allen Richtungen hin ein so hochgradiger ist, ein Buch auch das Interesse weiterer Kreise der Gebildeten beanspruchen dürfen, welches den modernen Naturgenuß in seinen mannigfaltigen Entwickelungsphasen sich zum Gegenstande gemacht hat – um so mehr, je seltener heute jene Darstellungen sind, die, für den ganzen Kreis der Gebildeten bestimmt und verständlich, die gesamte Geistesentwickelung im Mittelalter und in der Neuzeit zu umspannen suchen.

Mit Genuß und mit Liebe ist das Buch entworfen worden – ist doch auch oft in öder Litteratur - Periode die Naturdichtung noch ein Lichtpunkt und der offene Sinn für Naturschönheit noch ein Rest aus besserer Vergangenheit, der uns wie Heimweh anmutet möchte es auch mit Genuß nicht nur von Litteraturhistorikern, Ästhetikern und Naturforschern, sondern auch von allen denen gelesen werden, welche der ewigen Schönheit der Natur liebend nachgehen, sei es nun in der Gletscherwelt der Alpen oder am brausenden Nordseestrand. Den Lesern meiner früheren Aufsätze aber in den Preußischen Jahrbüchern, in der Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte und in der Litteraturbeilage des Hamburgischen Correspondenten3 wird hoffentlich die nunmehr im Zusammenhange und in ausführlicher Darstellung gebotene Behandlung des Themas willkommen sein. Kiel, im September 1887.

Alfred Biese.

2

1 Die Naturanschauung des Hellenismus und der Renaissance, Bd. LVII S. 527-556. Die ästhetische Naturanschauung Goethe's in ihren Vorbedingungen und in ihren Wandlungen, Bd. LIX S. 542—558 und Bd. LX, S. 36-56.

Herausgegeben von Max Koch Berlin 1887, Erster Band, Die ästhetische Naturbeseelung in antiker und moderner Poesie S. 125—145, 197—213, 407-456.

3 Das Erwachen des Gefühls für das Romantische in der Natur am Ende des 18. Jahrhunderts Nr. 7 und 8, April 1887; Die Naturanschauung in der Zeit der Perücke und des Zopfes Nr. 14 und 15, Juli 1887.

Inhalt.

Seite

1

Einleitung

Erstes Kapitel. Christentum und Germanentum .

26

Zweites Kapitel.
Das christlich-theologische und das heidnisch-sympathetische Natur-

gefühl der ersten 10 Jahrhunderte . .

37

Drittes Kapitel.
Das naive Naturgefühl im Zeitalter der Kreuzzüge

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Viertes Kapitel.
Der Individualismus und das sentimentale Naturgefühl in der Re-

naissance

125

Fünftes Kapitel.
Die Naturbegeisterung der Entdeckungsreisenden und katholische Natur-

mystik

176

.

Sechstes Kapitel. Das sympathetische Naturgefühl Shakespeare's.

209

Siebentes Kapitel.
Die Entdeckung der landschaftlichen Schönheit in der Malerei .

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Achtes Kapitel. Humanismus, Rococo und Zopf.

249

Neuntes Kapitel. Symptome der Rückkehr zur Natur

275

BH.
301

N3
B59

DIE ENTWICKELUNG

DES

NATURGEFÜHLS

IM

MITTELALTER UND IN DER NEUZEIT.

Von

ALFRED BIESE.

LEIPZIG,

VERLAG VON VEIT & COMP.

1888.

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