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den Chor zu bilden pflegten. Indessen blieb auch so der Begriff aufgeweckter, neckischer Ungebundenheit damit verknüpft, wie denn Horaz in der ars poëtica, V. 225-235, die Satyrn risores, dicaces, und protervos nennt, welche ,den Ernst in Scherz verkehren." Ritter C. Lucilius, Zeitgenosse des Zerstörers von Carthago, hat den bis dahin schwankenden Sprachgebrauch bestimmter gefasst, und die Satyre zu dem erhoben, wofür sie noch jetzt uns gilt, zu einer ergreifenden Darstellung der Widersprüche in dem Leben, zu einem überraschenden und belehrenden Spiegel menschlicher Thorheiten und Laster. Es lag in der Natur des Quiritenvolks, dass es nicht an Solchen fehlte, die dem Witze Lucils nacheiferten; denn mehr mit nüchternem Verstande begabt als mit üppiger Einbildungskraft, durch den Gang ihrer Geschichte mit Verhältnissen jeder Art vertraut geworden, gereift in Menschenkenntniss, sowie durch das Studium der Beredtsamkeit förmlich in die Kunst eingeübt, fremde Blössen scharfsichtig auszuspähen, und behend zutreffen, vereinigten die Römer alles in sich, was zur Meisterschaft in satyrischen Leistungen erfordert wird. Ihre lyrische, epische und dramatische Dichtkunst ist ein, wenn auch schöner und zum Theile eigenthümlicher, doch immer mehr nur ein Nachklang dessen, was der griechische Genius geschaffen hat; die Satyre hingegen ist ein Urgewächs des Latinerbodens. Unser Interesse für diesen Zweig römischer Literatur wird dadurch gesteigert, dass wir hoffen dürfen, aus einer anziehenden Unterhaltung auch manche für das Alterthum sehr wichtige Kenntnisse zu schöpfen; denn da der Witz um so schlagender wirkt, je bestimmter das Ziel ist, worauf er zustrebt, so kann es nicht fehlen: die Blendlaterne des Satyrikers wird auf Einzelnheiten fallen, wird über sonst kaum sichtbare Stellen einer längst entschwundnen Zeit oft plötzlich ein befremdend helles Licht verbreiten. Und welche Epochen werden uns hiedurch näher gerückt werden? Die ahnungsvolle, wo allmählig das Brausen des Bürgerkriegs verhallte; die goldne, wo unter Augustus alle Künste des Friedens blühten; die schreckliche, während deren Nero und Domitian im Mark des Volkes wühlten; endlich die Abendröthe des Alterthums unter Trajan. Dem wechselnden Geiste der Zeiten entspricht die Eigenthümlichkeit der vers hiednen Dichter, die joviale Feinheit des Horaz, das umwölkte Lächeln des Persius, die

schneidende Bitterkeit des Juvenalis, und der schäkernde Muthwille Martials. Um jeden dieser merkwürdigen Männer richtig würdigen zu können, und die Ausbeute sich zu sichern, welche sie dem gebildeten Leser in so reichem Maasse darbieten, ist es nothwendig, dass man sie der Zeitfolge gemäss unmittelbar nacheinander kennen lerne. Ich habe daher aus jedem derselben dasjenige ausgewählt, was mir sowohl ihn als die Zeit, worin er gelebt hat, am besten zu karakterisiren schien; und zwar habe ich nur solche Abschnitte berücksichtigt, die sich ohne Abbruch von Anfang bis zu Ende mittheilen liessen; denn mein Büchlein ist für ältere Schüler bestimmt, denen man immer etwas Ganzes mittheilen soll. Was die Zahl der Stücke anbelangt, so kann der Lehrer, um fertig zu werden, abwechslungsweise diese oder jene bei der Erklärung übergehen, und sie zur Privatlektüre anempfehlen. Einleitende Bemerkungen sollen die Wissbegierde des Schülers wecken, ohne der Thätigkeit des Lehrers vorzugreifen. Hinweisungen auf Zumpt und Billroth bei grammatischen Schwierigkeiten, Angabe für den Sinn wichtiger Lesarten, da und dort eingestreute Winke und Notizen haben lediglich den Zweck, die Vorbereitung fruchtbarer zu machen.

Zuerst beschäftigen wir uns mit Q. Horatius Flaccus, der den 8. Dez. 65 zu Venusia in Unteritalien geboren worden, und vor Zurücklegung des 57. Lebensjahres, den 27. Nov. 8 vor Chr. gestorben ist: das Jahr seiner Geburt wissen wir von ihm selbst (z. B. aus der 21. Ode des dritten Buchs, und aus der 13. Epode; denn L. Manlius Torquatus war im Jahre 65 als Consul College des L. Aurelius Cotta); den Tag derselben, sowie die Angabe seines Todes entnehmen wir einer kurzen, wahrscheinlich mit Recht dem berühmten Geschichtschreiber der ersten 12 Cäsaren, dem C. Suetonius Tranquillus zugeschriebnen Biographie. Sofern es uns ausschliesslich um Kunstgenuss zu thun wäre, könnte es gleichgültig scheinen, ob wir diesen einem Dichter von mehr oder weniger gutem Karakter zu danken haben; da wir aber in dem Satyriker Horaz zugleich den Richter seiner Zeit erblicken, gewinnt die Frage über seinen eignen sittlichen Werth keine geringe Wichtigkeit. Nun dürfen wir ihn zwar keineswegs frei sprechen von allen Fehlern, welche damals in den geselligen Kreisen der Römer wucherten: im Gegentheil, manche Stelle der Epoden, viele in den

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Oden enthaltne Liebeslieder, und das offne Geständniss: „parabilem amo Venerem facilemque", lassen uns wohl erkennen, dass der ehelose Mann seine schwachen Stunden gehabt habe. Dagegen verdient er insofern unsre volle Achtung, als er unter Umständen, wo selbst Senatoren ihr stolzes Haupt beugen lernten, stets eine würdige Selbstständigkeit zu behaupten wusste. Er sang das Lob des Kaisers, aber ohne dass er sich je zur Schmeichelei erniedrigt hätte; er stimmte in gewisse zur Mode gewordne, nach unsern Begriffen ausschweifende Redensarten ein, das eigentliche Gewicht aber legte er jedesmal auf die Wahrheit, darauf nämlich, dass Augustus den Greueln des Bürgerkriegs ein Ende gemacht, den Frieden hergestellt, Ordnung und Gesetz aufs Neue gegründet habe; er entsprach dem ihm gewordnen Auftrage, die Siege des Drusus und Tiberius zu verherrlichen, aber er schickte, um vor der Nachwelt nicht als Hofpoet zu stehen, dem vierten Buche die scherzhafte erste Ode voraus, als hätte ihn ein unerwarteter Nachsommer von Liebesgluth zu der Leyer zurückgeführt, er trat sodann in der zweiten Ode absichtlich gegen Julus Antonius in den Hintergrund, und die bekannte Stelle des Hauptgedichts, worin seine anfänglich sprudelnde Begeisterung durch einen frostigen Zwischensatz über die Streitäxte der Vindelicier unterbrochen wird, lässt uns ahnen, dass sein Herz nicht ohne Sträuben an jene bestellte Arbeit gegangen sey. Wirklich zog er sich durch die gemessne Haltung, welche er dem Hof gegenüber beobachtete, laut der suetonischen Biographie Vorwürfe des Augustus zu, dass er die kaiserliche Freundschaft verschmähe, und in keiner Satyre ausdrücklich an den Kaiser sich gewendet habe. Dies hatte jedoch blos den bescheidnen, edel gehaltnen Brief zur Folge, womit das zweite Buch der Episteln eröffnet wird. Unbekümmert um missdeutende Urtheile, blieb er fortwährend Kriegsgenossen treu, mit denen er einst unter des Brutus Fahne gegen Octavian gefochten hatte, und äusserte noch in spätern Jahren, wie stolz er auf die von einem Brutus und Cassius ihm zu Theil gewordne Anerkennung sey. Inniger als sein Verhältniss zu Augustus war das zu Mäcenas; allein auch gegen Letztern benahm er sich immer so, dass er, statt beschwerlich zu fallen, von dem höher Stehenden aufge

cht wurde. Im Besitze des von Mäcenas ihm geschenkten Landguts fühlte er sich vollkommen glücklich; mehr

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aber wünschte er nicht, weil er durch wiederholte und grössere Gaben abhängig von dem Geber geworden wäre. Um so schöner klingt in seinem Munde das, was er über Genügsamkeit und richtige Schätzung der Lebensgüter sagt: Manche, die ihm nachsangen, haben mit Liedern ähnlichen Inhalts nach Pensionen und Stellen bei Hof geangelt: Horaz ist, weil er Unabhängigkeit für das erste Bedürfniss des Mannes achtete, im Vergleiche mit dem fügsamern Virgilius arm gestorben. Wenn das bisher Gesagte seinem Karakter Ehre macht, so fehlt es auch nicht an Gründen, gleich vortheilhaft über seinen Ver- ́ stand zu urtheilen. Er zeigt sich durchaus als einen besonnenen Mann, der in jedem Augenblicke vollkommen deutlich weiss, was er will, und der immer nur dasjenige will, was möglich und für ihn passend ist. Man lese den zweiten Brief im ersten Buche der Episteln und seine ars poëtica, um zu sehen, wie tief er über das Wesen epischer und dramatischer Dichtkunst nachgedacht hat, und wie einheimisch er in diesem wie in jenem Gebiete der Poesie gewesen ist. Warum hat er nun gleichwohl nie einen Versuch gemacht, etwas Episches oder Dramatisches zu dichten? Hören wir, wie er hinsichtlich des Epos sich ausspricht, vergleichen wir z. B. im ersten Buch der Oden die 6., im zweiten die 12., im vierten die 15.: er hat es desswegen nicht gethan, weil er sein Naturell und das Maas seiner Kräfte zu genau gekannt hat. Wie sich selbst, so durchschaute er auch den Bau und Geist seiner Muttersprache: er trug griechische Versmaase auf sie über, aber mit Abänderungen, welche die im Latein vorherrschende Kraft und Gediegenheit zu erfordern schien, und so machte er es sich zur Pflicht. je im 2. Versfusse der sapphischen und im 1. und 2. der alcäischen Zeile, da, wo das Griechische eine kurze Sylbe zulässt, durchaus eine lange zu gebrauchen (

statt

statt U). Ebenso richtig fand sein Ohr heraus, dass sich für die lateinische Satyre keine Versart besser eigne als der voll und gewichtig auftretende Hexameter; weil aber die Satyre der flachen Wirklichkeit näher steht als den Höhen der Poesie, so entzog er seinem Hexameter allen epischen Schwung, vermied die choriambische Cäsur, und liess absichtlich gewisse Härten und Nachlässigkeiten zu, wodurch sich seine Diction der sorglosen Sprache des gewöhnlichen Lebens annähert. Insofern bezeichnet er seine Satyren

und, und

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durch die Ausdrücke Musa pedestris und Sermones. Weil er einen gediegnen Karakter hatte, und Alles mit besonnenem Nachdenken aus sich herausbildete, so hat sich seinen Werken, ein ganz bestimmter Stempel aufgeprägt, der ihm selbst da, wo er Vorbilder vor Augen hatte, den Zauber der Originalität verleiht. Und was ist jener Verwandtschaftszug, der Horazens sämmtliche Dichtungen als Kinder seines Geistes auszeichnet? Eine liebenswürdige Harmonie des innern Lebens, die sich in der schönen Abrundung jedes Gedichtes zu erkennen gibt; ein fast zur Natur gewordnes Gleichgewicht der Stimmungen, vermöge dessen er ohne künstliche Anspannung poetisch, und bei scheinbarer Zerstreutheit planvoll ist; ein überall durchblickendes geistreiches Lächeln, wodurch er den Ernst seiner Weisheitslehren mildert, und die üppigen Ergiessungen seiner Laune würzt. Daher das Anmuthige der von ihm gedichteten Satyren: sie scherzen, ohne ins Tändelnde zu verfallen, belehren, ohne zu ermüden, treffen, ohne zu verwunden.

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Wir stellen die sechste Satyre des ersten Buchs voran, weil wir hier Nachrichten über die Abstammung und Kindheit unsers Dichters finden.

Inhalt: Der vornehme Mäcenas verachtet mich nicht, obschon ich der Sohn eines Freigelassnen bin. Er geht hiebei von einem richtigen Grundsatze aus. Freilich sollen sich Menschen von geringer Herkunft auch nicht vordrängen, weil sie sonst den Neid herausfordern. Ich für meine Person lebe zurückgezogen. Warum bin ich gleichwohl dem Neide ausgesezt? Als Freund des Mäcenas. Aber Mäcenas hat mich seiner Freundschaft werth gefunden, und dass ich es bin, danke ich der guten Erziehung, welche mir mein Vater geben liess; ich wünsche mir daher keinen andern Vater als ihn, und freue mich der harmlosen Einfachheit, in welcher ich leben kann als Sohn eines Freigelassen.

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