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Beurtheilungen und kurze Anzeigen.

Goethe's Egmont und Schiller's Wallenstein. Eine Parallele der

. Dichter von F. Th. Bratranek, Stuttgart. Cotta. 1862. 278 S. gr. 8.

Der Verfasser, der nach der Ortsunterschrift der an seinen „Freund Walther von Goethe“ gerichteten Dedication: „Freihof Finsterwald bei Kremsier,“ wie nach dem Klange seines Namens ein Mahre zu sein scheint, veroffentlicht unter dem obigen Titel eine Studie, von der wir es nicht überflussig halten, zumal da dieselbe noch wenig bekannt geworden zu sein scheint, anch nach so geraumer Zeit noch eine detaillirtere Notiz zu geben. Wird auch demjenigen, der eine genauere Bekanntschaft mit der hier in Betracht kornmenden Goethe- und Schillerliteratur besitzt, eben nicht viel Neues geboten, so ist es doch immerhin erfreulich, dem wohlüberlegten, klaren Gedankengange des Verfassers zu folgen, und wenn es überhaupt etwas Wohl-thuendes hat, zu sehen, dass eine recht eingehende Betrachtung der Werke unserer grössten Dichter auch der jüngeren Generation noch immer moglich und zu dieser gehört offenbar der Verfasser vorliegender Abhandlung, wenn gleich auch er schon „Reminiscenzen an bessere, wenigstens illusionsreichere Tage“ besitzt, so nimmt man mit noch um so grösseren Interesse Theil an dem, was unter der Herrschaft des Concordats, und gewiss nicht unter begunstigenden äusseren Verhältnissen vou einem nichtdeutschen Verehrer unserer Dichterheroen zu Tage gefördert worden ist.

Wir erwähnen nur deshalb, dass der Verfasser verständiger Weise auf die längst beseitigte Frage, ob Schiller oder Goethe grosser sei, sich nicht einlässt, weil er, indirect wenigstens, die Bemerkung binwirft: es sei das ebenso, wie man heute vielleicht darüber streiten wollte, ob Oesterreich, ob Preussen natürlich in geistiger Beziehung grösser sei, oder höher stehe. Angesichts dessen, was die neuesten Zeitläufte zur Erscheinung gebracht haben, bekommt die Frage eine gar zu sonderbare Färbung. Der Verf. geht aber im Ernst darauf aus, die beiden Dichter, wie es Schiller in einem Briefe an W. von Humboldt von einer kommenden Generation crwiirtete, zu „specificiren; ihre Arten einander nicht unterzuordnen, sondern unter einem boheren, idealischen Gattungsbegriff einander zu coordiniren." Das erste leistet er; das letztere konnte freilich nur in einer systematisch durchgeführten Aesthetik oder Poetik vollständig geleistet werden. Der Verf. aber giebt doch reichliche Andeutungen zur Lösung auch dieser Autgabe.

Die bisher aufgestellten charakteristischen Unterschiede beider Dichier genügen dem Verfasser nicht. Man sagt: die Natur sei Goethe's Domäne, lie Geschichte Schiller's eigenster Geisteskampfplatz: man sagt: Goethe sei ein objectiver, Schiller ein subjectiver Dichter; Goethe sei Realist, Scbiller

Idealist; alles das sind, wie der Verfasser nachweist, nur halbwahre Bestimmungen, und es wäre so schwer nicht, auch das Umgekehrte in allen diesen Beziehungen geltend zu machen. Der Verf. will nun die wesentlichen Unterschiede beider Dichtercharaktere an zwei von ihren Werken nachweisen, und wählt dazu von Goethe den Egmont, von Schiller den Wallenstein, welche beiden Dramen er als Selbstbekenntnisse des Dichters betrachtet. Das Gemeinsame beider Poesien ist, dass an beiden die Dichter in derselben Periode ihres Lebens, und zwar grade in der Entwicklungs- und Consolidirungszeit des Mannescharakters, Goethe am Egmont vom sechsund- · zwanzigsten bis zum achtunddreissigsten (1775--1787), Schiller am Wallenstein vom achtundzwanzigsten bis zum beinah vierzigsten Lebensjahre (1787 -1799) gearbeitet haben. Ferner arbeitet Goethe immer dann am Egmont, wenn er aus einer Unentschiedenheit seiner innern oder äussern Lebensverhältnisse sich zur Selbstbethätigung seines innersten Wesens aufrafft, wofür eben die Epochen seiner Uebersiedlung nach Weimar, später der Ueberwindung der Weimarer Genieperiode, und endlich der definitiven Hingabe an die Dichtkunst, mit Beendigung jedes Schwankens nach dem Gebiet der bildenden Künste hin auf der italienischen Reise entschieden sind. Und ebenso fallen die Zeiten, in welchen Schiller sich seit dem Don Carlos mit dramatischen Arbeiten, wenn auch nur vorerst mittelst Gedankenconcipirung, beschäftigte, mit Entscheidung sepochen seiner Lebensrichtung zusammen. Zuerst das Jahr 1790, die Reise nach Erfurt, Erholung von der Krankheit, die seiner kaum in rechten Zug gekommenen Lehrthätigkeit beinah ein Ende machte, und vor Allem die durch seine Heirath begründete häusliche Existenz erfüllen ihn mit neuem Lebensmuth und erwecken in ihm die alte Vorliebe für dramatische Arbeiten. Die Bekanntschaft mit Goethe, die Arbeit an den Horen, der Abschluss seiner philosophischen Studien, die Xenien, bieten die Momente, um den Dichter zu einer neuen Stufe der Selbststandigkeit emporzuheben, und damit zugleich ihn zur Poesie zurückzufühDie Selbstentscheidung wird endlich entschieden bethätigt durch den Abschluss des Wallenstein.

ren.

Wenn nun beide Dichter immer dann an den beiden Dramen arbeiten, wenn sie aus einem Zustande innerer Schwankungen zu bestimmter Entscheidung über ihr inneres Leben und über den eigenthümlichen Grund desselben gekommen sind, so erklärt sich daraus, dass sie in beiden Dramen Helden als dem Untergange verfallend darstellen, die eben nicht zur Selbstentscheidung gelangen können, die an der Unentschiedenheit ihres Wesens zu Grunde gehen. Es wäre eben den Dichtern auch so wie ihren Helden gegangen, wenn sie sich nicht zur Selbstbethätigung ihres Wesens aufgerafft hätten. Der Verf. weist nun sowohl aus den Dramen, wie aus den sonstigen Aeusserungen der Dichter nach, wie diese Selbstentscheidung sich bei Schiller und Goethe verschieden gestaltet, und welche Gedankenreihen durch solche Betrachtungen entschlossen werden, lässt sich schon aus der einfachen Angabe der Resultate, zu denen er auf seinem Wege kommt, erkennen. Goethe muss seine Neigung zur bildenden Kunst überwinden, Schiller seine Vorliebe zur Philosophie, um ganz Dichter zu sein. Goethe arbeitet sich überall zum Urphänomen hindurch, Schiller zum Gesetz. Goethe erkennt als eine dunkle Lebensmacht das Dämonische an (in ganz eigenthumlicher von dem Verf. gut auseinandergesetzter Bedeutung), Schiller das Schicksal. Goethe gelangt endlich zur Selbstentscheidung durch stetiges Erleben, Schiller durch gründliches Erwägen. Der Erlebende aber muss dem Dämonischen, der Erwägende dem Schicksal unterliegen, wenn er nicht Thatkraft und den Muth zur Selbstentscheidung besitzt. So unterliegen Egmont und Wallenstein; Goethe und Schiller aber nicht, weil sie Thatkraft und den Muth der Selbstentscheidung besitzen. Beide befreien sich durch ihre Dichtungen von einem, ihrem innersten Wesen Verderben drohenden Zustand.

Die aesthetische Analyse, auf welche der Verfasser eingeht, ergiebt ihm nun das Resultat, dass beide Dramen keineswegs als vollendete Tragödien anzusehen sind. Im Egmont überwiegt das Lyrische, im Wallenstein das Epische; das eigentlich Dramatische erscheint in keiner der beiden Tragödien rein durchgeführt. Auch dieser Abschnitt enthält der interessanten Bemerkungen genug, man könnte eine ziemlich vollständige Aesthetik der Tragödie daraus entwickeln. Manche Bemerkung reizt zum Widerspruch, der sich indess doch mehr gegen die zuweilen etwas zu abstracte Form, als gegen den in derselben enthaltenen Gedanken richtet. Einen guten Schluss des ganzen Buches gewährt die Bemerkung, dass Shakspeare mit seinem Hamlet den Egmont und Wallenstein übertroffen hat. „Denn Hamlet erscheint nicht bloss um seines Inbalts, sondern auch um seiner Formvollendung willen als die Tragödie der Unentschiedenheit im eminentesten Sinne, und erst

man darthut (wie der Verf. es freilich in sehr abstracten Terminis vollbringt), dass darin die reichste dramatische Technik beschlossen und das Princip des passiven Egoismus zu seiner gründlichsten Entfaltung gebracht ist, fühlt man sich gerechtfertigt, Goethe's 'und Schiller's Unentschiedenheitsdranien ate Unübertrefflichkeit abgesprochen zu haben.“

Wir glauben durch das gegebene Referat hinlänglich dargethan zu haben, dass das Buch von Bratranek zu den interessanteren und erfreulichen Erscheinungen auf dem Gebiete der Goethe- und Schillerliteratur gehört; es wird keinem Verebrer unserer Dichter gereuen, demselben eine genauere Durchsicht gewidmet zu haben. Unangenehm fällt zuweilen die etwas ungenirte Ausdruckweise auf. Doch steht die Bemerkung über Brackenburg: „er ist zwar ein Waschlappen, wie man ihn kaum im Küchendienste verwenden möchte,“ ganz vereinzelt da.

Merkel.

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Goethe in den Jahren 1771 bis 1775. Von Bernhard Rudolf

Abeken. Zweite Auflage. Hannover, Carl Rümpler, 1865.

Dies nunmehr in zweiter Auflage vorliegende Buch ist nicht weniger wegen seines reichen Inhalts als ganz besonders wegen der acht menschlichen und sittlichen Gesinnung, die sich in der Behandlung dieses Inhalts darlegt, eine erfreuliche und wohlthuende Erscheinung. Solche Gesinnung aber findet nun auch in der Freude, die sie selbst an dem dargestellten Gegenstande hat und die sie in anderen an demselben hervorzurufen versteht, ihren schönsten, befriedigenden Lohn. Dies bewährt sich auch bei diesem Buche. Wir meinen dies aber so. Wenn so viele, sonst gebildete Menschen deswegen zu einem reinen Genuss der Schönheit eines Kunstwerks nicht gelangen, weil sie bei Betrachtung desselben vor Allem die Fehler desselben aufsuchen und glauben, durch das Hervorheben derselben ibre Verstandesschärfe, ihr kritisches Talent, ibre Kennerschaft dokumentiren zu müssen, so spricht sich in diesem Verfahren eine mehr oder weniger egoistische, also unsittliche Richtung des Innern aus, und dies unsittliche Verfahren rächt sich dadurch, dass eben der ächte Genuss und die rechte Freude an dem dargebotenen Vortrefflichen verloren geht. Es gehört ein viel feiner gebildetes, sittliches Gefühl dazu, um den entgegengesetzten Weg einzuschlagen, vor Allem die Schönheiten eines Kunstwerkes aufzufassen, über diese sich klar zu werden und sie anzuerkennen, und dieser Weg allein führt zu einem reinen Genuss und zur Freude an dem, was der Künstler producirt hat oder produciren wollte. Auch bei der Betrachtung der Werke der Natur, auch bei der Betrachtung eines Menschendaseins macht sich dieses Gesetz geltend; es bewährt sich auch durch das vorliegende Buch. Mit inniger und liebenswürdiger Pietät versenkt sich der Verfasser in die Voll

kommenheiten einer so schönen Erscheinung, wie sie das Leben des Heros der deutschen Poesie darbietet; er ist ihm, wie einst Wielanden, „der herrliche Gottes-Mensch, an dem und das weist der Verfasser eben nach nichts verloren geht", und nur ungern und fast gezwungen wendet er sich, und mit Trauer der Erwägung dessen zu, was die Welt, deren Blicke eine so hervorragende Erscheinung, wie Goethe ist, immer von Neuem auf sich zieht, an Unvollkommenheiten an ihm entdeckt und in geflissentlicher Weise und hinlänglich sorgsam an's Licht gestellt hat. Es wäre thöricht, ein solches Verfahren des Verfassers durch eine zweideutige Benennung, wie die eines „Goethekultus" verurtheilen zu wollen. Man könnte so auch bei Winkelmann von einem Laokoon-, Apollo-, Herkuleskultus sprechen und würde sich damit sehr schief ausgedrückt haben. Wir können es aus dem Buche berausfühlen, dass der Verfasser dieselbe edle Humanität in der Betrachtung und Beurtheilung aller Erscheinungen des menschlichen Geistes, die überhaupt solcher Betrachtung werth sind, beweisen würde, dass eine reine, selbstsuchtlose Freude ihn bei Allem bewegt, was die Menschheit Herrliches hervorgebracht hat. Zum vollen Verständniss einer Persönlichkeit gehört freilich auch, dass man die Unvollkommenheiten und Fehler derselben bezeichnet als das was sie sind, und das hat der Verfasser bei Goethe auch in aufrichtigster Weise gethan. Wir glauben sogar, dass er in einigen Punkten dabei mit zu peinlicher Gewissenhaftigkeit verfahren ist, oder vielmehr dem in Curs gesetzten Gerede zu viel Bedeutung eingeräumt hat. Das ablehnend-vornehme, sei es auch zuweilen gewiss doch nicht immer abstossende Wesen des Ministers in späteren Jahren ist es als tadelnswerther Charakterzug in dem Wesen des Mannes zu bezeichnen? Wir zweifeln daran, sobald wir uns vorstellen: wie er denn hätte anders sein sollen und können in den Verhältnissen, in denen er sich bewegte und denen er als verständiger Mann, der dabei auch nicht Lust hatte immer geschoren zu sein, Rechnung tragen musste. Auch das Christenthum Goethe's möchte der Verfasser retten, was immer ein verfängliches Unternehmen bleiben wird, weil die, welche ihn in diesem Punkte verdammen, doch nicht überzeugt werden können, da er in der That ein symbolgläubiger Christ nicht gewesen ist. Diejenigen aber, welche die christliche Religion mit freierem, in die Tiefe ihres Wesens dringenden, umfassenderen Sinne ergriffen und demgemäss auch in Goethe's Werken das Wehen des christlichen Geistes verspürt haben, erwarten wohl Andeutungen darüber in dem Werke des Verfassers, verzichten aber gern in dieser Hinsicht auf eine Vertheidigung Goethe's gegen seine Gegner. Beiläufig ist es uns immer wunderlich vorgekommen, wenn von der Seite eines sehr engherzigen Christenthums auf ein Wort Goethe's aus späterer Zeit: dass er in seinem Leben nicht zwei Stunden, oder, wie der Verfasser das Wort anführt, nur wenige Wochen lang vollkommen glücklich gewesen sei, ein so grosses Gewicht gelegt und der Gedanke daran geknüpft wird, er würde eben bei einer specifisch christlichen Ueberzeugung glücklicher gewesen sein. Es ist aber offenbar, dass in dem Sinne, wie Goethe es meint, schwerlich Jemand, sei er Symbolgläubiger oder ein Anderer, von Glücklich sein reden kann. Wir glauben auch, je höher Jemand geistig sich vollendet und je mehr Energie seine Sittlichkeit gewinnt, überhaupt, eine je bedeutendere Stelle er in dem Ganzen der Menschheit einnimmt, desto weniger Augenblicke seines Lebens werden ihm zu Theil werden, in denen er sich sagen kann: er sei glücklich. Das ist nun einmal das Schicksal des Menschen, und wir können vielleicht auch ahnen, warum es so ist. Für sehr gelungen sehen wir die Betrachtung und das Urtheil über den Mangel an deutschem Patriotismus an, die freilich, weil sie für die Jahre von 1771 bis 1775 noch nicht von eingreifender Bedeutung sein konnten, nur in allgemeinen Andeutungen gegeben sind. Es konnte sich dabei nicht um eine Vertheidigung des Mannes handeln, sondern nur um eine Nachweisung, dass auch dies Verhalten aus dem in

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nersten Wesen des Mannes hervorgegangen sei und Goethe eben nicht anders sein konnte. Bedenklicher ist das für die Entstehung der Goethe'schen Werke so bedeutungsschwere Verhältniss zu den Frauen, mit denen Goethe in Berührung kam. Leichtsinn ist da nicht fortzuleugnen und wird auch vom Verfasser zugegeben. Man kann da nur mit einem non omnia possumus omnes durchhelfen, welches der Verfasser auch redlich angewandt hat, obgleich er mit Recht nachweist, in wie inniger Beziehung die Entstehung der Hauptwerke Goethe's grade zu dem Verhältniss zu den Frauen steht Die wandern nun mit den Goethe'schen Werken hin in die Unsterblichkeit und mit ihnen Lotte's Gemahl, der freilich keine grosse Freude an der Art und Weise haben konnte, wie er durch den Goethe`schen Roman zu der Ebre poetischer Unsterblichkeit gekommen ist. Siegreich konnte die Beweisführung für die oft, sogar früher auch von Schiller, angezweifelte Herzengüte Goethe's sein, die durch mannigfache, zum Theil erst später in ihr volles Licht getretene Züge unzweifelhhaft bewiesen ist. In dieser Hinsicht bieten die ihn umgebenden Personen viel grössere Schwächen als Goethe dar. Wir wenigstens sind überzeugt, dass Goethe niemals sich über Glücksbegünstigungen eines Andern so kleinlich und offenbar missgünstig geäussert haben würde, als Schiller es in dem Briefe an Körner über den sorgen- und geschäftsfreien Aufenthalt Goethe's in Italien gethan hat. So etwas lag seinem Charakter doch sehr fern.

Das sind ungefähr die Vorwürfe, die der Person Goethe's gemacht worden sind, und die der Verfasser, der sich an mehreren Stellen ausdrücklich gegen die Annahme verwahrt, dass er eine Lobre ie auf Goethe schreiben wolle, redlich berücksichtigt. Aber des Herrlichen, wahrhaft Schönen, dessen, woran man sich von Herzen erfreuen kann in dieser Menschenerscheisung, ist doch unendlich mehr und legt sich in der Darstellung des Verfas ners in durchsichtiger Klarheit zu Tage. Auch bei diesem Buche drängt sich von Neuem die Bemerkung auf, dass es wohl wenige Menschen ausser Goethe giebt, die, während man so viel von ihrem äusseren und innern Leben weiss als von ihm was weiss man denn in beiderlei Hinsicht viel Authentisches von Dante oder Shakspeare? Idoch eine so und schöne Ausgestaltung einer Seite der Menschheit darstellen, als grade er. Der Verfasser des vorliegenden Buches ist offenbar und mit Recht der Ansicht, dass eine noch genauere Kenntniss der Einzelnheiten des Goethe'schen Lebens das Bild des Mannes, wie er es aufgefasst hat, nicht trüben, oder auch nur verändern würden; er wünscht für manche Abschnitte noch genauere Quellen und wären es auch klatschhafte Berichte nach Art der Böttiger'schen über die Weimarer Zustände. Es mag auch wohl noch Manches dahin Gehörige zu Tage kommen, aber die wesentlichen Züge stehen fest, und für die wichtige Periode aus Goethe's Leben, von 1771 bis 1775, sehen wir das Werk Abeken's als abschliessend an. Die Absicht des Verfassers war: „jene Jahre wie eine Knospe darzustellen, aus der sich so Grosses entwickeln und entfalten sollte; eine Knospe freilich, die im Einzelnen schon zugleich die schönste Blüthe und die reifste Frucht ist;" er wollte „den Boden schildern, durch dessen Kraft und Säfte der genährt werden musste, der nach Italien gelangt, schreiben konnte: ich zahle einen zweiten Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt von dem Tage, da ich Rom betrat." Diese Absicht hat der Verfasser vollkommen erreicht; er hat das Wesen des Jünglings in allseitiger Beziehung dargestellt und verfolgt die in jener Periode angelegten Faden, soweit es zum Verständniss derselben nöthig ist, in Andeutungen auch in das Mannes- und Greisenalter hinein. „Möge ein Anderer von tieferer Einsicht und grösserer Geschicklichkeit mit grösserer Liebe brauche ich nicht zu sagen die an die von uns behandelte Periode von Goethe's Leben sich anreihende schildern" wünscht der Verfasser. Wir glauben, die Welt würde vollkommen zufrieden sein, wenn ein Mann von derselben Tiefe der Einsicht und derselben Geschicklichkeit und mit derselben Liebe zu

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