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identisch find, wie das neue ausgesprochen wurde, und ir nemt dem Altfranzöfischen die Maske, welche es entstellt, denn es ist in der Tat für uns eine Entstellung, es fo auszusprechen, wie es geschriben ist. In feinem Werke über die Variations du langage français," welches vile neue und ware Anfichten enthält, hat Génin eine merkwürdige Erscheinung ans Licht gezogen, nemlich die Rückwirkung der Schrift auf die Aussprache. Unfere Sprache wimmelt von Wörtern, in denen die Schrift die Aussprache getötet hat, d. h. in denen zwar geschribene, aber nicht ausgesprochene Buchstaben über die Tradition triumphirt und fich dem Ore fo haben hören lassen, wie fie fich dem Auge zeigen. Difer Einfluss zeigt fich in feiner verderblichsten Wirkung, wenn man heute altfranzöfische Texte lift; man vergisst, dass es außer der ursprünglichen Convention, welche jedem Buchstaben einen einfachen Laut beilegt, noch eine Menge von fecundären Conventionen gibt, welche dazu dienen follen, Laute zu repräfentiren, welche außerhalb des Ramens unferes Alphabetes ligen, und dass dife fecundären Conventionen für das Altfranzöfische möglicher weife nicht diefelben find wie für das Neufranzöfische. Dann wendet man one weitere Überlegung unfere Aussprache auf die alte Schreibweife an und verwandelt fo die einfachsten und vertrautesten Dinge in fremde und monströse.

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Génin hat mit großem Scharffinn und Nutzen den Satz aufgestellt, dass im Grunde die moderne Aussprache die alte Aussprache darstelle und dass die Zal der Abweichungen weit beschränkter ist, als man es nach den Abweichungen der Schreibweife vermuten follte. Man wende difen Grundfatz auf die Lefung eines alten Stückes an, beachte die Schrift gar nicht und spreche die Worte so aus, wie wenn fie mit moderner Orthographie dargestellt wären, und man wird sehen, wie leicht das Verständnis felbst für diejenigen fein wird, welche nicht mit unferer alten Sprache vertraut find. Man spreche im Gegensatz dazu diex, yex etc., fo wie wir es geschriben fehen, und man wird. ein furchtbar barbarisches, felbst den geübtesten Oren ganz unverständliches Jargon hervorbringen. Ich fage: barbarisch; denn, in der Tat, woher foll denn ein x in die Aussprache des Wortes iex gekommen fein? Difes Wort kommt her von oculus und die Etymologie zeigt, dass das x im Altfranzöfischen eben fo stumm ist wie im Neufranzöfischen. Handelt man anders, fo begeht man einen offenbaren Barbarismus und fürt in die Aussprache einen Buchstaben

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ein, welcher immer nur ein orthographischer gewefen ist. Unfere Vorfaren hatten die Convention, die Silbe eux durch ex darzustellen ; dife Convention verkennen, heißt inen ebenfo großes Unrecht tun, als man uns tun würde, wenn man das x in yeux oder mieux aussprechen wollte. Wenn man alfo den alten Worten die moderne Aussprache gibt, fo bewart man fie weit entfernt fie zu alteriren wenigstens in vilen Fällen in irer Integrität und stellt ire ware Phyfiognomie

wider her.

Hätte das Feudalfystem länger bestanden, hätten die trouvères fortgefaren, ire Lieder von Schloss zu Schloss, zu fingen und vor allem hätte eins difer Gedichte durch hervorragende Schönheiten fich eine dauernde Gunst erworben, fo würde die Transscription den Modificationen der gesprochenen Sprache gefolgt fein und das Werk wäre immer verständlich gebliben. So war es mit Homer. Fortgepflanzt von Mund zu Mund durch die Rhapsoden, mit Bewunderung angehört von den hellenischen Stämmen, erneute fich der alte Dichter von Jarhundert zu Jarhundert und in dem Maße, wie die Sprache fich modificirte, modificirte fich auch der alte Vers, foweit es der Rhythmus erlaubte. Zallofe Spuren find noch fichtbar, welche bezeugen, dass die Aussprache Homers wefentlich abwich von der, welche zu der Zeit herschte, wo der Text definitiv fixirt wurde. Man hat verfucht, nach difen Spuren die alte Aussprache und die alte Orthographie Homers wider herzustellen. Gewiss ist, dass, je mer difes Unternemen der Restauration geglückt wäre, um fo befremdender und unerkennbarer würde der so hergestellte Text den Zeitgenossen Alexanders, Plato's und Sophokles' erschinen fein. Das Interesse, welches die Griechen an dife alten Recitationen fesselte, der mächtige Reiz difer immer fo einfachen und oft fo erhabenen Poefie, und der traditionelle Gefang der Rhapsoden schützten die Iliade und die Odyssee davor, in die Sprache des 9. vorchristlichen Jarhunderts eingefargt zu ligen und den Griechen der späteren Zeiten unverständlich zu werden, wie die faturnischen Gedichte den römischen Zeitgenossen Cicero's und Augusts wurden, und uns unfere alten Lieder geworden find.

Meine Abficht ist es nicht, das Studium der alten Orthographie zu verbannen ein Studium, welches immer des Interesses würdig ist. Die alte Orthographie gibt uns nützliche Belerungen über die Etymologie und die Grammatik, fie wird auch, wenn man nur will, gute Winke für die Reform unferer modernen Orthographie geben, Archiv f. n. Sprachen. XXXIX.

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welche fo vil Überladungen, Inconfequenzen und felerhafte Gebrauche enthält. So dürfte der in den alten Texten herschende Gebrauch, keine nicht ausgesprochenen Confonantenverdoppelungen zu schreiben, alfo zu fetzen: arester, doner, apeler etc., verdienen, auf unsere neue Orthographie übertragen zu werden. Man schreibt in den alten Texten die Plurale enfans, puissans etc. one t. Dife lange schon von Voltaire vorgeschlagene Orthographie ist ein Archaismus, welcher Widerherstellung verdiente. Diejenigen, welche vor einer Veränderung unferer Orthographie erschrecken würden, mögen fich nur keine Illufionen machen über das scheinbare Feststehen der Schreibweife, deren fie fich bedienen. Man braucht nur die Schreibweife einer etwas entfernten Zeit, etwa des 17. Jarhunderts, mit der unfrigen zu vergleichen, um zu erkennen, wie vile Modificationen fie erlitten hat. Da folche Modificationen unvermeidlich find, fo kommt es darauf an, dass fie mit System und wissenschaftlichem Tacte gemacht werden. Offenbar verlangt difer, dass die Orthographie immer einfacher werde, und das System verlangt dife Vereinfachungen fo zu verbinden, dass fie stufenweise geschehen und fich fo vil als möglich der Tradition und der Etymologie anschließen."

Die von Littré ausgesprochene Anficht über die neufranzöfische Orthographie werden wir uns wol im ganzen gefallen lassen können, namentlich ist es nicht zu verkennen dass die franzöfische Aussprache specifisch dazu neigt, Doppelconfonanten als einfache auszusprechen, und es fragt fich allerdings, ob man nicht mit demselben Rechte, mit welchem man bereits adresse schreibt (im Gegensatz zu dem engl. address), agréger (im Gegensatz zu unferm aggregiren), abrutir, apercevoir u. dgl., dem Genius der franz. Sprache gemäß auch: arêter, ariver, alonger, afaire, afiche, ataquer, suposer, symetrie, dificulté etc. schreiben follte, wie auch schon Richelet in feinem berümten Wörterbuche vom J. 1680 (Dictionnaire françois, contenant les mots et les choses, plusieurs nouvelles remarques sur la langue françoise: -- ses expressions propres, figurées et burlesques, la prononciation des mots les plus difficiles, le genre des noms, le régime des verbes: avec les termes les plus connus des arts et des sciences; le tout tiré de l'usage et des bons auteurs de la langue françoise, Genève 1680) vorgeschlagen hatte, mit Auswerfung des im Lateinischen meist assimilirten Endconfonanten des Präfixes.

Es würde dis der Art entsprechen, wie auch in der Stolzeschen

Stenographie die Assimilationen der Präfixe ad, sub, syn etc. behandelt worden find.

Dagegen erregen die von Littré adoptirten Anfichten über die Aussprache des Altfranzöfischen große Bedenken. Dennoch hat fich ihnen auch Pelissier angeschlossen in einem neuen ser anziehend geschribenen Werkchen: Pelissier, la Langue française, Tableau historique de sa formation et de ses progrès. Paris 1866. Darin heißt es:

Gleich beim ersten Verfuche, das Franzöfische des Mittelalters zu studiren, tritt uns ein Hindernis in den Weg, welches uns aufhält und oft zurückschreckt, nemlich die Eigentümlichkeit der Aussprache, zu der wir uns verurteilt glauben. Nichts ist entmutigender als in jeder Zeile auf unverständliche Wörter zu stoßen, welche von den unfrigen, ungeachtet des gemein famen Ursprungs, fo fer verschiden scheinen, wie nies, altre, nepould, il donet, eslire, cuer, muete, bues, cos, iex, suer, anme etc.

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Man muss gestehen, dass alle dife Wörter hart, barbarisch und unverständlich find, wenn wir fie fo aussprechen, wie fie geschriben find, d. h. wie wir fie heutzutage aussprechen würden, wenn wir mit Sorgfalt alle einzelnen Buchstaben hervorzubringen fuchen. Aber fo aussprechen hieße fich durch ein Vorurteil in die Irre füren lassen, von dem man um fo mer geheilt wird, je mer Sprachen man studirt. Die Erfarung lert in der Tat, dass in den Beziehungen zwischen geschribenen Zeichen und gesprochenen Lauten alles auf Convention beruht und dass namentlich für gewisse abgeleitete Laute, wie eu, au nicht mer Grund vorhanden ist fie fo zu schreiben, wie wir es tun, als wie es unfere Vorfaren taten: ue, al.

Dife erste allgemeine Überlegung spricht schon das Mittelalter von dem Vorwurfe der Barbarei frei, welchen ihm noch der Pedantismus der Unwissenheit fo reichlich macht.

Übrigens verschwindet fast jede Schwirigkeit durch einige fer einfache Bemerkungen und einige fer praktische Regeln; mit wenig Überlegung und Übung wird es vilmer leicht die meisten altfranzöfischen Wörter zu lefen, zu verstehen und jedem Zuhörer verständlich zu machen; obwol wir allerdings über difen Punkt, wie über manche andere, keineswegs feste und ausnamslofe Regeln befitzen. Im Gegenteil ist die philologische Wissenschaft nirgends zu mer Conjecturen verurteilt gewefen, weil unfere einzigen autentischen Texte fast nur

Manuscripte des 13. Jarh. sind, deren Verfasser vor allem der Orthographie ires Landstriches folgen und sich nach der Aussprache ires Dialektes richten.

Die politischen und moralischen Bedingungen, unter denen der Übergang vom Lateinischen in das Altfranzösische stattgefunden hat, haben auf die Aussprache und die Orthographie noch mer Einfluss ausgeübt als auf den Wortschatz und den Satzbau. Von der einen Seite bringt die große Unkentnis der Bevölkerungen, welche die Sprache je nach irem Bedürfnis umformen, in die Neuerungen, alle Widersprüche der menschlichen Natur; nirgends Sorge um Ausnamen, nirgends das Streben gewisse feste Relationen zwischen den Lauten und den lie darstellenden Zeichen herzustellen! Von der andern Seite leisten die Gelerten Widerstand; fie möchten die Wörter an iren Ursprung anknüpfen, sie kämpfen zu Gunsten der Überliferung und der lateinischen Orthographie. Ferner hat jedes feudale Gebiet Frankreichs seinen besondern Dialekt, d. h. seine eigentümliche Aussprache und Orthographie, was dazu beiträgt, die Feststellung einer gemeinsamen und bestimmten Orthographie und Aussprache aufzuhalten. Aus Mangel an einer höheren Leitung herschte überall Willkür und Anarchie, und man muss auf eine uniforme, regelmäßige, unbestrittene Gesetzgebung verzichten.

Übrigens muss uns in di sem Punkte, wie in vilen andern, ein Blick auf uns selbst nachsichtig machen. Bedenken wir, wie verschiden noch heute von Paris bis Lille oder Rennes, bis Bayonne oder Marseille unser Französisch gesprochen wird, denken wir an die Schwirigkeiten, welche noch heute ein Lexikograph zu überwinden hat, welcher unsere moderne Aussprache auf Regeln zurückfüren will, und wir werden lernen weniger Ansprüche an unsere Vorfaren zu machen, welche jeder Beihilfe entberten und weder die Überliferung großer Vorbilder, noch Grammatiker, noch eine Akademie, noch die Schnelligkeit unserer Mitteilungen hatten, die es uns so leicht macht, das Gute zu verbreiten und das Schlechte zu verbessern.

Das Altfranzösische wurde schon lange Zeit gesprochen, ehe es geschriben wurde, und die Wörter mussten taufend Umwandelungen erleiden, ehe man daran dachte sie durch die Schrift zu fixiren. Es folgt daraus, dass bei dem ersten Versuche, dife nene Sprache, welche das unwissende Volk den gebildeten Klassen auferlegte, zu schreiben, die Schwirigkeit außerordentlich groß sein musste. In der Tat entspann

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